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Ronald Larmann

09/18/2026

Dieses Rad kannte den Weg

Zurück ins LVR-Freilichtmuseum Kommern: Der blaue Hercules-Drahtesel aus den 1970er Jahren gehörte dem langjährigen Hausforscher Dr. Joachim Hähnel, der damit das Rheinland bereiste und Tausende Gebäude dokumentierte – Ein Zufall in der Kommerner Fahrradwerkstatt von Rainer Schulz brachte die besondere Geschichte ans Licht

Zurück am richtigen Ort: Rainer Schulz (l.) übergab das Rad des früheren Hausforschers Dr. Joachim Hähnel an Museumsleiter Dr. Carsten Vorwig. Künftig soll es auf dem „Marktplatz Rheinland“ zu sehen sein. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich-Kommern – Der braune Ledersattel hat bessere Zeiten gesehen. Auf dem blauen Rahmen erzählen Kratzer und abgestoßener Lack von vielen Kilometern, und auch die klassische Torpedo-Dreigangschaltung hat längst Museumsalter erreicht. Rainer Schulz und Dr. Carsten Vorwig beugen sich über das alte Hercules-Rad und entdecken immer neue Details. Direkt daneben steht ein gelb-schwarzer Fahrradständer mit dem überlebensgroßen HB-Männchen. Im Hintergrund die Backsteinfassade der Gaststätte Watteler.

Viel passender könnte die Kulisse kaum sein. Denn genau hier, auf dem „Marktplatz Rheinland“ des LVR-Freilichtmuseums Kommern, soll das Fahrrad künftig seine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die eng mit dem Museum verbunden ist und die beinahe unentdeckt geblieben wäre.

Zurück am richtigen Ort: Rainer Schulz (l.) übergab das Rad des früheren Hausforschers Dr. Joachim Hähnel an Museumsleiter Dr. Carsten Vorwig. Künftig soll es auf dem „Marktplatz Rheinland“ zu sehen sein. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Der Zufall nahm Anfang des Jahres seinen Lauf. Rainer Schulz räumte in seiner Fahrradwerkstatt in Kommern auf. Das Ladenlokal sollte neu genutzt werden, Dekoration musste weichen und da stand wieder dieses alte blaue Hercules-Rad, das seit Jahren mal im Laden, mal im Keller untergebracht gewesen war.

Deko-Objekt und Hingucker

„Ich habe das Rad mindestens zehn Jahre irgendwo in der Ecke stehen gehabt“, erzählt Schulz. Zu ihm gekommen war es schon viele Jahre zuvor. Die Frau seines damaligen Besitzers, Dr. Joachim Hähnel, hatte es in die Werkstatt gebracht, weil sie keine Verwendung mehr dafür hatte. Schulz hob es auf. Dafür war der Zustand einfach zu gut. Mal diente es als Dekoration, mal kam ihm der Gedanke, dass ein solches Original aus den 1970er Jahren vielleicht irgendwann als Requisite für Filmaufnahmen gebraucht werden könnte.

Doch irgendwann wurde aus Aufheben Aufräumen. „Ich schob das von rechts nach links“, erinnert sich Schulz. Schließlich stand für ihn fest: Das Rad sollte weg.

Dabei wusste der Kommerner Fahrradspezialist durchaus, dass er ein schönes Stück vor sich hatte. Nach seinen Recherchen dürfte das Hercules zwischen 1973 und 1976 gebaut worden sein. Vieles daran ist noch original. Und weil ein Fahrrad aus genau dieser Zeit gut in die jüngere Alltagsgeschichte des LVR-Freilichtmuseums passen könnte, kam ihm auch das Museum als möglicher neuer Standort in den Sinn.

Eigentlich sollte das alte Fahrrad beim Aufräumen weichen. Dann entpuppte es sich als besonderes Stück Museumsgeschichte: Rainer Schulz mit dem Hercules-Rad des früheren Hausforschers Dr. Joachim Hähnel. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Dann half der Zufall ein zweites Mal nach. Dr. Carsten Vorwig kam als Kunde in die Fahrradwerkstatt. Das Hercules wurde zum Gesprächsthema. Schulz erzählte, dass er sich davon trennen wolle. Schnell entstand die Idee, das Rad ins Freilichtmuseum zu holen. Zunächst dachten beide noch ganz pragmatisch: ein authentisches Fahrrad aus den 1970er Jahren, passend zur entsprechenden Zeitschicht im Museum. Eine erste Überlegung war, es am Bungalow Kahlenbusch – passend zur Küche der 70er-Jahre – aufzustellen.

Während die beiden noch über das Fahrrad sprachen, kam Uschi Schulz, Rainers Mutter, in die Werkstatt. Ihr Sohn erzählte ihr beiläufig, dass das alte Hercules nun wohl einen Platz im Museum bekommen werde. Ihre Antwort veränderte alles. „Den Weg kennt das Fahrrad. Das ist ja von Dr. Hähnel“, erinnert sich Rainer Schulz an den Satz seiner Mutter.

Prägender Mitarbeiter fürs Museum

Vorwig war sofort begeistert. „Ich habe tatsächlich sofort Riesenohren bekommen, als ich den Namen Hähnel hörte“, erzählt der heutige Museumsleiter. Denn Dr. Joachim Hähnel war nicht irgendein früherer Mitarbeiter des Freilichtmuseums. Er war über Jahrzehnte Hausforscher in Kommern und direkter Vorgänger von Carsten Vorwig in dieser Funktion. Plötzlich war das Hercules-Rad nicht mehr bloß ein gut erhaltenes Fahrrad aus den 1970er Jahren. Es war ein persönliches Arbeits- und Fortbewegungsmittel eines Mannes, der die Entwicklung des Museums entscheidend mitgeprägt hatte.

Einer, der das Museum mit aufbaute: Dr. Joachim Hähnel ist hier bei einem Richtfest links im hellen Mantel zu sehen. Tausende Fotografien hinterließ er dem Museum, von ihm selbst gibt es dagegen kaum Bildmaterial. Repro: Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Hähnel kam 1973 als Hausforscher nach Kommern und blieb bis 2001. Er gehörte damit zur zweiten Generation der Wissenschaftler nach der Museumsgründung und war nach Angaben Vorwigs maßgeblich am weiteren Aufbau des Geländes beteiligt. Rund 20 historische Fachwerkgebäude habe Hähnel verantwortlich mit aufgebaut. Zudem verfasste er den ersten ausführlichen Museumsführer über das Freilichtmuseum Kommern.

Vor allem aber war Hähnel Forscher im wörtlichen Sinne: Er musste hinaus ins Rheinland. Und genau dabei spielte das Fahrrad eine besondere Rolle. Hähnel besaß keinen Führerschein. Seine Wege zu Häusern, Dörfern und Städten legte er mit Bus und Bahn – und eben mit dem Rad – zurück. „In den ersten Jahren hat er vieles mit dem Fahrrad gemacht“, berichtet Vorwig. Hähnel bereiste die rheinischen Orte, fotografierte historische Bausubstanz und erstellte Hausdokumentationen.

Geschichte bis ins Detail: Rainer Schulz (l.) und Dr. Carsten Vorwig begutachten den alten Ledersattel. Direkt daneben wartet bereits der stilechte HB-Fahrradständer auf das Hercules-Rad. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Rainer Schulz und Carsten Vorwig entdeckten am Fahrrad sogar noch Spuren solcher Reisen. An dem alten Hercules befinden sich bis heute Kordeln, an denen vermutlich einmal die Gepäckanhänger der Deutschen Bundesbahn befestigt waren. Wenn eine Strecke zu weit für die Pedale war, reiste das Fahrrad also offenbar im Gepäckwagen mit.

Forschung mit Fahrrad

Was Hähnel auf seinen Touren zusammentrug, ist heute von großem Wert für das Museum. Rund 25.000 Fotografien aus seiner Arbeit befinden sich im Bestand. „Das ist ein Riesenschatz“, sagt Vorwig. Denn Hähnel fotografierte nicht einfach drauflos. Seine Arbeit war akribisch dokumentiert. Negativnummer, Ort, Straße, Hausnummer – zu den Aufnahmen legte er genau fest, was darauf zu sehen war und wo es aufgenommen worden war. „Und alles mit dem Fahrrad“, sagt Vorwig.

Besonders spannend ist heute, dass Hähnel mit seiner Kamera weit mehr festhielt, als er ursprünglich dokumentieren wollte. Sein wissenschaftlicher Blick galt historischer Bausubstanz. Doch zwangsläufig gerieten auf seine Bilder auch die Gegenwart der 1970er und 1980er Jahre, moderne Ladeneinbauten, Gaststätten, Straßenräume und Plätze.

Zeitzeugen am Lenker: Die klassische Torpedo-Dreigangschaltung und alte Kordeln gehören zu den Details, die von der Geschichte des Hercules-Rades erzählen. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Damals waren das Nebensächlichkeiten. Heute sind sie Zeitgeschichte. Und genau deshalb spielt Hähnels fotografischer Nachlass beim „Marktplatz Rheinland“ eine wichtige Rolle. Seine Bilder liefern authentische Hinweise darauf, wie Orte damals tatsächlich aussahen. Welche Geschäfte gab es? Wie waren Ladenlokale gestaltet? Wie sahen Gastwirtschaften aus? Welche Telefonzellen, Brunnen oder Waschbetonkübel standen auf den Plätzen?

„Das ist eine Riesenmaterialgrundlage, auf der wir unsere Konzeption für den Marktplatz Rheinland auch aufgebaut haben“, erklärt Vorwig. Damit bekommt der neue Platz des Hercules-Rades eine besondere Pointe. Ausgerechnet auf jenem Marktplatz, dessen Gestaltung auch mithilfe der Fotografien seines früheren Besitzers rekonstruiert wurde, soll nun dessen Fahrrad stehen.

Bei der Übergabe vor der Gaststätte Watteler fügt sich das blaue Hercules-Rad jedenfalls schon erstaunlich selbstverständlich ins Bild. Der historische HB-Fahrradständer mit seinem gelben Männchen wirkt, als hätte er nur auf das Rad gewartet. Auch am Velo selbst gibt es viel zu entdecken. Rahmen und Lack tragen sichtbare Gebrauchsspuren. Sattel, Lenker, Griffe, Lichtanlage und zahlreiche weitere Teile stammen noch aus der damaligen Zeit. „Mit Sattel, Lenker, Griffen und Lichtanlage ist dieses Fahrrad eigentlich im Originalzustand“, sagt Schulz. Reifen und Schläuche seien im Laufe der Jahre dagegen mit Sicherheit einmal erneuert worden.

Viele Details sind noch original: Das Hercules-Rad aus den 1970er Jahren hat Jahrzehnte und zahlreiche Kilometer sichtbar überstanden. Rainer Schulz datiert das Fahrrad auf die Jahre 1973 bis 1976. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Und noch ein kleines Detail verbindet das Hercules-Rad mit Kommern und der Familie Schulz: Am Rahmen klebt ein alter Aufkleber der Fahrradwerkstatt. Das Rad war also schon zu Hähnels Zeiten dort bekannt. Schließlich reicht die Zweiradtradition der Familie weit zurück. Rainer Schulz, Sohn von Günther und Uschi Schulz, führt die Geschichte fort, die sein Großvater Ernst begonnen hatte. Der war nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie aus Ostpreußen in die Eifel gekommen und eröffnete 1951 in Kommern eine Fahrrad- und Moped-Reparaturwerkstatt. Damals mussten Fahrräder und Mopeds sogar noch eine Treppe hinauf in die Werkstatt getragen werden.

Museumsstück für gutes Wetter

Dass ausgerechnet bei Schulz Jahrzehnte später Hähnels Hercules wieder auftauchte, gehört zu jenen Zufällen, die man kaum besser hätte erfinden können.

Nach der Entdeckung seiner Herkunft war jedenfalls sofort klar, dass das Rad nicht einfach dauerhaft draußen stehen und langsam verwittern sollte. Vorwig und sein Team wollen es dennoch für die Besucher sichtbar machen. Bei geeignetem Wetter soll die Baugruppenaufsicht es morgens auf den Marktplatz bringen, dort sichern und abends wieder ins Trockene holen. Bei Regen bleibt es geschützt.

Rainer Schulz nahm das alte Hercules in seiner Kommerner Werkstatt noch einmal genau unter die Lupe. Jahrelang hatte das Rad dort als Dekoration gestanden oder im Keller auf seinen nächsten Einsatz gewartet. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

„Nun haben auch die Besuchenden etwas davon“, sagt Vorwig. Vor der Gaststätte Watteler, im stilechten HB-Fahrradständer, habe das Hercules-Rad den passenden Platz gefunden: „Das ist eine absolut runde Sache.“

Auch Rainer Schulz ist froh, dass aus seinem Aufräumfund nun ein Museumsstück geworden ist. Noch wenige Monate zuvor hatte er vor allem Platz schaffen wollen. Jetzt weiß er, dass die Kratzer im blauen Lack mehr erzählen als nur von einem alten Fahrrad.

Denn das Hercules-Rad war für Joachim Hähnel Fortbewegungsmittel und Arbeitsgerät zugleich. Damit fuhr er hinaus ins Rheinland, fotografierte Häuser und hielt Veränderungen fest. Vieles von dem, was er damals dokumentierte, hilft dem Freilichtmuseum heute dabei, Geschichte möglichst authentisch wieder sichtbar zu machen. Nun gehört auch sein Fahrrad dazu und Uschi Schulz hatte recht: Den Weg ins Freilichtmuseum kannte es längst.

pp/Agentur ProfiPress