Wonach suchen Sie

Manfred Lang

09/10/2026

Die Frau, die Tausenden ins Leben half

Christine „Tina“ Jannes aus Strempt war über vier Jahrzehnte Hebamme rund um den Bleiberg – Mehr als 13.000 Kindern soll sie auf die Welt geholfen haben – 1982 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz – Alte Familie Jannes kam von Floisdorf über Hostel nach Strempt – Schon „Stienas“ Mutter und Oma waren Hebammen - 22 mal schwanger, 14 Kinder geboren, nur sieben wurden groß

Christine „Tina“ Jannes aus Strempt war über vier Jahrzehnte Hebamme rund um den Bleiberg – Mehr als 13.000 Kindern soll sie auf die Welt geholfen haben – 1982 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz – Alte Familie Jannes kam von Floisdorf über Hostel nach Strempt – Schon „Stienas“ Mutter und Oma waren Hebammen - 22 mal schwanger, 14 Kinder geboren, nur sieben wurden groß 

Mechernich-Strempt – Es gibt Menschen, die berühmt werden, weil sie auf Bühnen stehen, Bücher schreiben, Titel gewinnen oder große Ämter bekleiden. Und es gibt Menschen, deren Name in einem ganzen Landstrich bekannt wird, weil sie immer dann kommen, wenn andere sie brauchen. Christine Jannes aus Strempt gehörte zu dieser zweiten Kategorie von prominenten Vertretern der Zeitgeschichte am Bleiberg, über die die Agentur ProfiPress in lockerer Folge berichtet.

Christine Jannes mit einer Kollegin und einem Neugeborenen im Mechernicher Krankenhaus. Über Jahrzehnte war die Strempter Hebamme für Mütter, Kinder und Familien rund um den Bleiberg im Einsatz. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress
Christine Jannes mit einer Kollegin und einem Neugeborenen im Mechernicher Krankenhaus. Über Jahrzehnte war die Strempter Hebamme für Mütter, Kinder und Familien rund um den Bleiberg im Einsatz. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress

Sie wurde am 13. Oktober 1912 in Strempt geboren und starb am 18. September 1992. Die meisten nannte sie „Tina“, „Jannesse Chrstien“ oder auch „Steng“. Wenn irgendwo in Mechernich, Strempt oder einem der umliegenden Orte eine Geburt bevorstand, wenn eine junge Mutter Angst hatte, wenn ein Kind nicht gleich atmen wollte oder wenn wieder einmal alles schneller ging als geplant, dann hieß es nicht „Roof de Dokte“, sondern „Fahr Jannesse Steng holle“.

Ein besonderes Ereignis im Berufsleben der Hebamme Christine Jannes (l.): Auch bei Mehrlingsgeburten war ihre Erfahrung gefragt. Alte Berichte nennen neben vielen Zwillingen auch dreimal Drillinge und einmal Vierlinge. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress
Ein besonderes Ereignis im Berufsleben der Hebamme Christine Jannes (l.): Auch bei Mehrlingsgeburten war ihre Erfahrung gefragt. Alte Berichte nennen neben vielen Zwillingen auch dreimal Drillinge und einmal Vierlinge. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress

Christine Jannes war Hebamme, was mehr Berufung als Beruf zu sein gewesen scheint, denn auch ihre Mutter und Großmutter gingen bereits professionell der tätigen Geburtshilfe nach. Die Berufsbezeichnung allein erklärt aber kaum, was „Tina“ für Mechernich und Umgebung bedeutete. Sie war über Jahrzehnte Landhebamme und Beleghebamme im Kreiskrankenhaus Mechernich zugleich, Vertrauensperson, Ratgeberin, Trösterin, Improvisationstalent und vermutlich oft auch eine Art Sozialarbeiterin, lange bevor man dieses Wort im Dorfgebrauch verwendet hätte.

Zeitgenössische Zeitungsberichte schreiben ihr mehr als 13.000 Geburten zu, teils ist sogar von 15.000 Fällen Geburtshilfe die Rede. Sicher ist: Drei Generationen in Mechernich und Umgebung kamen mit ihrer Hilfe zur Welt.

Aus einer großen Familie

Die Familiengeschichte der Jannesse reicht weit zurück. Nach Angaben ihrer Neffen Berti und Matthias Jannes kam die Familie ursprünglich aus Floisdorf und gelangte über Hostel nach Strempt. Urkundlich erwähnt wird demnach ein Landwirt namens Stephan Jannes, vierfacher Urgroßvater von Berti und Matthias, der 1763 von Floisdorf auf den Hamacher-Hof in Hostel zog. Sein Enkel Hubert kam später nach Strempt.

Christine Jannes wurde in eine große Familie hineingeboren. Ihr Vater Matthias Jannes war Schuster. Ihre Mutter Gertrud, geborene Schink, war ebenso wie die Großmutter bereits Hebamme. Gertrud Jannes war 22-mal schwanger und brachte 14 Kinder zur Welt, nur sieben wurden Erwachsene, darunter Christine. Gertrud starb bei der Geburt ihres jüngsten Sohnes Willi.

Matthias und Berti (r.) Jannes erinnerten sich im Gespräch mit der Mechernicher Agentur ProfiPress für diese Serie an ihre Tante Christine „Tina“ Jannes, die in der Familie auch „Steng“ und von den Kindern „Tant Tinna“ genannt wurde. Mit alten Fotos und Zeitungsausschnitten halfen sie, das Leben der bekannten Strempter Hebamme nachzuzeichnen. Foto: Erna Jannes/pp/Agentur ProfiPress
Matthias und Berti (r.) Jannes erinnerten sich im Gespräch mit der Mechernicher Agentur ProfiPress für diese Serie an ihre Tante Christine „Tina“ Jannes, die in der Familie auch „Steng“ und von den Kindern „Tant Tinna“ genannt wurde. Mit alten Fotos und Zeitungsausschnitten halfen sie, das Leben der bekannten Strempter Hebamme nachzuzeichnen. Foto: Erna Jannes/pp/Agentur ProfiPress

Christine war damals noch jung, musste aber früh Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen. Daher rührte ihre resolute Art, die auch im fortgeschrittenen Alter kaum Widerspruch duldete. Vielleicht ist ihre Familiengeschichte die Wurzel ihres späteren Berufs: Geburt, Sorge, Tod und Verantwortung lagen eng beieinander – und wurden zu „Tinas“ Lebensweg.

Auch der Vater Matthias wird in der Familienüberlieferung als besonderer Mensch beschrieben. Er habe, wie man in der Eifel sagte, „die Begabung“ gehabt, Schmerzen zu nehmen. Solche dörflichen Heiler, Besprecher und Helfer gehören in allen Religionen und ethnischen Gruppen selbstverständlich zum unter der Hand kommunizierten Alltagswissen. In der Familie Jannes trafen Volksfrömmigkeit, Erfahrung und robuste Lebensbewältigung („Pack-an“) offenbar auf besondere Weise zusammen.

Mit 22 wurde sie Hebamme

Mit 22 Jahren entschied sich Christine Jannes, Hebamme zu werden. Nach einer einjährigen Ausbildung an der Landesfrauenklinik in Wuppertal-Elberfeld bestand sie 1938 ihr Examen mit der Note „sehr gut“. Der damalige Kreisausschuss des Kreises Schleiden hatte ihre Ausbildung unterstützt, weil man in den Dörfern rund um den Bleiberg eine Frau brauchte, die die Menschen kannte und zu ihnen passte.

Christine Jannes erhielt 1982 im Kreiskrankenhaus Mechernich das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die Auszeichnung würdigte mehr als vier Jahrzehnte Einsatz als Hebamme und ihre besondere Hilfsbereitschaft. Links Mechernichs Stadtdirektor Helmut Rosen, rechts Landrat Josef Linden aus Mechernich-Obergartzem. Foto: privat/pp/Agentur ProfiPress
Christine Jannes erhielt 1982 im Kreiskrankenhaus Mechernich das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die Auszeichnung würdigte mehr als vier Jahrzehnte Einsatz als Hebamme und ihre besondere Hilfsbereitschaft. Links Mechernichs Stadtdirektor Helmut Rosen, rechts Landrat Josef Linden aus Mechernich-Obergartzem. Foto: privat/pp/Agentur ProfiPress

Zunächst wurde sie als Landhebamme eingesetzt. Ihr Wirkungsgebiet umfasste nicht nur Mechernich, sondern zahlreiche Ortschaften im Umfeld. In den alten Berichten ist von 13 Dörfern die Rede. Anfangs legte sie viele Wege zu Fuß zurück. Später erhielt sie mit Unterstützung von Dr. Warmer aus Kommern ein kleines Auto. Schon im ersten Jahr ihrer Tätigkeit hatte sie laut Laudatio im Schnitt neun Hausgeburten im Monat, im zweiten Jahr stieg die Zahl auf monatlich 15.

Das war eine andere Welt, als sie in der heutigen Geburtshilfe anzutreffen ist. Viele Kinder kamen damals nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause auf die Welt. Die Hebamme musste jederzeit erreichbar sein. Geregelte Arbeitszeiten gab es nicht. Eine Geburt richtete sich nicht nach Dienstplänen, Feiertagen oder Nachtruhe.

Geburten im Krieg und im Stollen

Besonders hart waren die Jahre des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegszeit. Die alten Zeitungsartikel berichten, dass Kinder nicht nur in Häusern, sondern während der Bombenangriffe auch in Luftschutzkellern und in Stollen des Mechernicher Bleibergwerks geboren wurden. In armen Familien fehlte oft die einfachste Ausstattung für Neugeborene.

Christine Jannes lebte in Strempt mit ihren Schwestern Gertrud und Maria zusammen. Die drei Frauen prägten über Jahrzehnte das Familienleben; Gertrud und Maria betrieben ein Lebensmittelgeschäft, Christine wurde als Hebamme weit über Strempt hinaus bekannt. Foto: privat/pp/Agentur ProfiPress
Christine Jannes lebte in Strempt mit ihren Schwestern Gertrud und Maria zusammen. Die drei Frauen prägten über Jahrzehnte das Familienleben; Gertrud und Maria betrieben ein Lebensmittelgeschäft, Christine wurde als Hebamme weit über Strempt hinaus bekannt. Foto: privat/pp/Agentur ProfiPress

Christine Jannes half dann nicht nur mit Fachwissen. Sie organisierte. Sie improvisierte. Sie verteilte Butterbrote und Kindersachen. Sie unterstützte werdende Mütter, Wöchnerinnen und Familien, bei denen Not und Unsicherheit groß waren. Der spätere Euskirchener Landrat Josef Linden aus Mechernich-Obergartzem, der Christine Jannes 1982 das Bundesverdienstkreuz überreichte, würdigte genau diesen Zug an ihr: Sie habe in schwierigen Kriegszeiten einen „Instinkt für Improvisation“ entwickelt.

Christine Jannes war nicht nur für Mutter und Kind da, sondern oft für das ganze Umfeld. Bei Geburten ging es schließlich nicht nur um medizinische Abläufe. Es ging um Angst, Armut, Hoffnung, Schlaflosigkeit, um nervöse Väter, erschöpfte Mütter und Familien, die mit jedem Kind erneut lernen mussten, das Leben anzunehmen, auch organisatorisch und wirtschaftlich.

„Immer zur Stelle“

Christine Jannes arbeitete mehr als vier Jahrzehnte als Hebamme. Zeitungen nennen 42 oder 43 Berufsjahre. In dieser Zeit veränderte sich ihr Beruf grundlegend. Anfangs fanden die meisten Geburten zu Hause statt. Später verlagerten sich immer mehr Entbindungen ins Kreiskrankenhaus Mechernich.

Historisches Familienbild der Familie Jannes in Strempt: Rechts außen ist Christine Jannes zu sehen, die spätere Hebamme. Diesen Beruf übte auch bereits ihre Mutter Gertrud, geborene Schink aus. Sie starb bei der Geburt ihres jüngsten Sohnes Willi. Abgebildet sind (v.l.) Gertrud, Bertram, Josef (gefallen), Vater Matthias, Maria, Mutter Gertrud, Heinrich und Christine Jannes. „Jannesse Christien“ wie sie in Mechernich und Umgebung genannt wurde. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress
Historisches Familienbild der Familie Jannes in Strempt: Rechts außen ist Christine Jannes zu sehen, die spätere Hebamme. Diesen Beruf übte auch bereits ihre Mutter Gertrud, geborene Schink aus. Sie starb bei der Geburt ihres jüngsten Sohnes Willi. Abgebildet sind (v.l.) Gertrud, Bertram, Josef (gefallen), Vater Matthias, Maria, Mutter Gertrud, Heinrich und Christine Jannes. „Jannesse Christien“ wie sie in Mechernich und Umgebung genannt wurde. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress

Für Christine Jannes bedeutete das aber keine wirkliche Entlastung. Sie blieb gefragt, im Krankenhaus ebenso wie in den Familien. Landrat Linden sagte, eine Hebamme wie Frau Jannes sei „praktisch immer zur Stelle“ gewesen. Sie habe nicht nur bei der Entbindung geholfen, sondern auch im Wochenbett beraten, getröstet und begleitet.

In einem Zeitungsbericht zum 65. Geburtstag hieß es, Christine Jannes habe schon über 10.000 Kindern zum Leben verholfen. Bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1982 war von rund 13.000 Babys die Rede. Darunter auch Zwillinge, dreimal Drillinge und einmal sogar Vierlinge. Während ihrer Geburtstagsfeier wurde sie ausgerechnet wieder zu einer Geburt gerufen: Zwillinge kamen zur Welt. Es war fast, als habe ihr Beruf noch einmal demonstrieren wollen, dass die Aufgabe vor dem Menschen kommt…

Eine Frau mit Autorität

In der Familie galt Christine Jannes als starke Persönlichkeit. „Matriarchin“ nennen ihre Neffen Berti und Matthias Jannes sie rückblickend mit einer Mischung aus Respekt, Zuneigung und kritischem Abstand. Widerspruch sei nicht unbedingt erwünscht gewesen. Wenn „Tina“ etwas sagte, dann wurde es gemacht.

Zu Hause in Strempt lebte sie mit ihren Schwestern Gertrud und Maria zusammen. Die beiden betrieben ein Lebensmittelgeschäft. In diesem Haushalt wuchs auch ihr Neffe Matthias auf. Ihm sei es bei den drei Tanten gut gegangen, sagt Matthias im Interview.

Die Schusterei Jannes in Strempt: Vater Matthias Jannes (m.) war Schuster und galt in der Familie als Mann mit besonderer „Begabung“, dem man zutraute, Schmerzen nehmen zu können. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress
Die Schusterei Jannes in Strempt: Vater Matthias Jannes (m.) war Schuster und galt in der Familie als Mann mit besonderer „Begabung“, dem man zutraute, Schmerzen nehmen zu können. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress

Gleichzeitig profitierten die Kinder der Familie von „Tante Tinna“. Christine Jannes besaß ein VW-Büsschen als Wohnmobil. Schon 1962 unternahm sie damit Reisen und nahm stets drei bis fünf „Pänz“ aus der Familie mit. Für die Nichten und Neffen waren diese Campingurlaube ein Abenteuer: Schwarzwald, Österreich, Bayern, Gardasee. Nicht immer auf Campingplätzen, eher irgendwo beim Bauern an der Scheune.

Benzinbezugsscheine, so erinnert sich Matthias Jannes, besorgte sie sich dank ihrer guten Beziehungen zur Mechernicher Stadtverwaltung. Der Gardasee ließ ihn seit diesen frühen Fahrten nicht mehr los. Mehr als 50-mal sei er später dort gewesen und habe sogar den Platz wiedererkannt, an dem er einst mit Tante „Steng“ gewesen war.

Verdienstkreuz im Krankenhaus

Am 7. April 1982 erhielt Christine Jannes im Kreiskrankenhaus Mechernich das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Landrat Josef Linden nahm die Auszeichnung im Auftrag von Bundespräsident Karl Carstens vor. Anwesend waren zahlreiche Ehrengäste, darunter Dechant i. R. Josef Krapp aus Bleibuir, Pfarrer Josef Kaußen aus Strempt, Bundestagsabgeordneter Peter Milz, Kreisdirektor Josef Pelster, Bürgermeister Heinz Kehmeier, Stadtdirektor Helmut Rosen, leitende Ärzte des Kreiskrankenhauses, Verwaltungsdirektor Walter Britz und natürlich zahlreiche Familienangehörige.

Der Ort der Verleihung passte zu ihr: kein Festsaal weit weg, sondern das Kreiskrankenhaus Mechernich, eine ihrer früheren Wirkungsstätten. Landrat Linden sagte in seiner Ansprache: „Sie, hochverehrte Frau Jannes, haben jahrzehntelang unermüdlich Fleiß vorgelebt, ohne dabei nach einem Preis dafür zu fragen und haben darüber hinaus Ihre eigenen Schicksale von denen anderer wahrscheinlich nicht verschont geblieben sind, auf geradezu vorbildliche Weise gemeistert.“

Er betonte, dass ihre Verdienste nicht nur in fachlicher Leistung als Hebamme lagen, sondern auch in ihrer persönlichen Begabung und Menschlichkeit. Christine Jannes sei zum Symbol für Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit geworden. Auch andere Gratulanten würdigten sie. Peter Milz, Bundestagsabgeordneter aus Marmagen, hatte besonderen Grund: Christine Jannes hatte bei allen vier Milz-Töchtern Geburtshilfe geleistet. Bürgermeister Heinz Kehmeier würdigte sie als verdiente Frau der Stadt Mechernich, Pfarrer Josef Kaußen als Frau christlicher Verantwortung und engagiertes Mitglied der Pfarrgemeinde St. Rochus Strempt.

Christine „Tina“ Jannes mit einem Säugling: Zeitgenössische Zeitungsberichte schreiben ihr mehr als 13.000 Geburten zu. Für viele Familien in Mechernich und Umgebung war sie über drei Generationen hinweg die Hebamme ihres Vertrauens. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress
Christine „Tina“ Jannes mit einem Säugling: Zeitgenössische Zeitungsberichte schreiben ihr mehr als 13.000 Geburten zu. Für viele Familien in Mechernich und Umgebung war sie über drei Generationen hinweg die Hebamme ihres Vertrauens. Repro: privat/pp/Agentur ProfiPress

Christine Jannes selbst war das Aufheben um ihre Person eher unangenehm. Nach Familienerinnerung wollte sie nicht auf eine Stufe mit leitenden Krankenhausvertretern gestellt werden. Man habe sie regelrecht bitten müssen, die Ehrung anzunehmen.

Die alten Zeitungsartikel zeigen eine Frau, die nicht nach Öffentlichkeit suchte. Sie wurde ausgezeichnet, weil andere fanden, dass ihr Einsatz sichtbar werden musste. „Das Gute setzt sich nicht einfach durch“, sagte Landrat Linden sinngemäß bei der Feierstunde. Es verlange Anstrengung, Einsatz und oft auch Tapferkeit.

Dieser Satz passt zu Christine Jannes. Sie war keine Prominente im modernen Sinn. Sie war berühmt, weil die Menschen am Bleiberg ihr vertrauten. Weil sie nachts kam. Weil sie Wege ging. Weil sie im Krieg Butterbrote und Kindersachen organisierte. Weil sie im Krankenhaus ebenso selbstverständlich anwesend war wie in den Häusern der Familien. Weil sie nicht nur Kinder ins Leben holte, sondern Müttern und Vätern half, ihr „neues“ Leben zu bestehen.

Die letzten Jahre ihres Lebens waren nach Erinnerungen der Familie von Krankheit überschattet. Sie wurde 80 Jahre alt. In der öffentlichen Erinnerung aber blieb vor allem die Hebamme, die über Generationen hinweg für Mechernich da war.

Christine „Tina“ Jannes war eine der Frauen, ohne die eine Stadtgeschichte unvollständig wäre. Sie baute keine Häuser, gründete keine Fabrik, schrieb keine Bücher und stand nicht auf Bühnen. Aber sie war bei den Anfängen von mehr als 13.000 Lebensgeschichten dabei. Wenn man so will, half sie nicht nur Kindern auf die Welt. Sie half Mechernich immer wieder neu ins Leben.

pp/Agentur ProfiPress