Nach „Bauhaus“-Architekt Adolf Meyer setzt Mechernicher Agentur ProfiPress heute ihre Vorstellung berühmter Töchter und Söhne vom Bleiberg mit Jesuitenpater und Universitätsprofessor Dr. Dr. Joseph Roggendorf fort – Auch drei seiner Schwestern wurden Ordensfrauen, insgesamt sechs Roggendorf-Geschwister wirkten in Indien, Pakistan, Japan und Brasilien im Sinn christlicher Nächstenliebe – Mechernicher Gelehrtenehepaar Ingrid und Manfred Baldus schrieb ein Buch über den „Brückenbauer zwischen den Kulturen“
Mechernich – Von den acht Kindern des Ehepaares Hubert Roggendorf und Anna Krischer aus Mechernich wurden vier Ordensleute und gingen in die Mission, insgesamt sechs arbeiteten zumindest für mehrere Jahre ebenfalls im Sichtbarmachen christlicher Nächstenliebe in Brasilien, Japan, Indien und Pakistan.
An die Ordensgründerin Anna-Huberta („Helpers of Mary“), wie sich Gertrud Roggendorf (1909-1973), als Ordensschwester nannte, wird auch noch in dieser Vorstellungsrunde berühmter Töchter und Söhne vom Bleiberg erinnert. Heute geht es zunächst um ihren ältesten Bruder Joseph, einen bedeutenden Literatur- und Kulturwissenschaftler, Shakespeare-Forscher und Dekan der Sophia-Universität Tokio.
Das Mechernicher Gelehrtenehepaar Prof. em. Dr. Manfred und Ingrid Baldus hat die bis 2013 nur in Japanisch und Englisch vorliegenden „Memoiren“ des Jesuiten-Paters Professor Dr. Dr. Joseph Roggendorf, Jahrgang 1908, ins Deutsche übersetzte und als Buch herausgebracht. Sein Titel lautet: „Joseph Roggendorf, Brückenbauer zwischen den Kulturen – Lebenserinnerungen aus Europa und Japan 1908-1982“ (126 Seiten, vier Abbildungen, ISBN 978-3-939160-36-6, erschienen in der Reihe Libelli Rhenani der Diözesan- und Dombibliothek Köln, Bd. 47).

Mit 18 Jahren in den Orden
Joseph Roggendorf (1908 – 1982) ging schon mit 18 zu den Jesuiten. Gertrud Roggendorf (1909-1973), die als Schwester Anna-Huberta segensreich in Indien wirkte, war ebenfalls erst 18, als sie in Aspel Novizin im deutschen Provinzialhaus der Lütticher Kongregation „Filiae Crucis“ wurde.
Zu den Töchtern vom Heiligen Kreuz gingen auch Agnes Roggendorf, Jahrgang 1910, die seit 1939 als Anna-Xaveria in Indien und später in Lahore (Pakistan) wirkte, sowie Maria Roggendorf, Jahrgang 1914, die seit Ende der 40er Jahre und bis vor wenigen Jahren als Schwester Anna-Maria in Brasilien missionierte. Sie starb 2015 mit 101 Jahren in einer Niederlassung ihres Ordens am Niederrhein.
Der damalige Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick würdigte bei der Buchvorstellung im Rathaus nicht nur das Lebenswerk Joseph Roggendorfs und seiner Geschwister, sondern auch die Eheleute Baldus, die sich der englischsprachigen Originalmanuskripte angenommen und Roggendorfs Lebenserinnerungen dem Vergessen entrissen hätten. Ingrid Baldus ist leider inzwischen verstorben.

„Dass damals Sprösslinge rheinischer Familien katholische Priester wurden, war ja nichts Ungewöhnliches“, konstatierte Schick. Aus der acht Kinder zählenden Familie seiner Mutter seien zu der Zeit auch zwei Geistliche hervorgegangen. Aber die Zielstrebigkeit, mit der Joseph Roggendorf und seine Geschwister nicht nur ins tätige Werk christlicher Nächstenliebe, sondern auch in ferne Länder strebten, sei ganz außergewöhnlich, so der damalige Chef der Stadtverwaltung.
Joseph Roggendorf habe sich dabei in schwieriger Zeit mit Japan ausgerechnet für ein Land entschieden, dessen Kultur der Europäischen eher fremd sei – und umgekehrt. Der Eifeler, der unter anderem in den Niederlanden, Frankreich und England studierte und sehr sprachbegabt war, wurde noch 1940 von den Briten nicht ins Internierungslager gesteckt, wo er als Deutscher hingemusst hätte, sondern auf die „Haruna Maru“ gesetzt, das letzte in englischen Gewässern kreuzende japanische Schiff, mit dem er in den fernen Osten ausreisen durfte.
Sehnsucht nach fremden Kulturen
In Japan lebte Roggendorf, der dem Nationalsozialismus völlig ablehnend und verständnislos gegenüberstand, ausgerechnet in einem Reich von Hitlers Verbündeten. Nach dem Krieg habe Pater Roggendorf auf Vortragsreisen in die Länder früherer Kriegsgegner und in Japan selbst ausgleichend im Zusammenspiel mit den amerikanischen Besatzern gewirkt, erinnerte Dr. Schick.

„Die Umstände hätten kaum schwieriger sein können, um der Erfüllung eines »Traumes« näherzukommen“, erklärte Professor Manfred Baldus, „nämlich dem Brückenschlag zwischen abendländisch-christlicher und fernöstlicher Kultur“. In der Eifeler Heimat vermutete Roggendorf selbst die Wurzeln für seinen späteren kulturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsstil, so Baldus. „Als ich vor einiger Zeit (an der Alten Kirche von Mechernich) verweilte, auf meinen Heimatort hinunterschaute und dann weiter nach Osten in die Kölner Bucht, fühlte ich, dass genau hier mein Interesse am Austausch der Kulturen erwacht ist“, schreibt Pater Roggendorf.
„Kulturelles Durchzugsland“
Die Kirche in ihrem frühromanischen Stil gehe auf das 10. Jahrhundert zurück. „Es ist also die Zeit des Ise Monogatari (eines frühen Werks der japanischen Lyrik und Prosa), schreibt Joseph Roggendorf, „über das ich meine Dissertation an der Londoner Universität geschrieben habe“. Manfred Baldus: „Die Heimat steht für Joseph Roggendorf als Grenz- und Durchzugsland zwischen römischer und germanischer, frankophoner und deutscher Kultur.“
Seine Gymnasialjahre (bis 1926), in denen schon eine besondere Sprachbegabung hervortrat, fielen in die Zeit der wirtschaftlichen Depression und beginnenden politischen Radikalisierung, waren aber im heimatlichen Umfeld „durchdrungen vom Gefühl der Heiterkeit und Zuversicht“, wozu – wie für viele junge Katholiken seiner Generation – die Begegnung mit dem „Quickborn“ und dem Theologen Romano Guardini wesentlich beitrug.

Baldus: „Die Verknüpfung des Priestertums mit einem wissenschaftlichen Auftrag, der eher am Rande von Theologie und Philosophie anzusiedeln ist, rechnete Joseph Roggendorf ebenfalls seiner Umgebung zu, die »harmonisch das Heilige mit dem Säkularen, das Ernste mit dem Heiteren, Idealismus mit Sachlichkeit« verband.“
„Von Japanern lernen“
Einer von Joseph Roggendorfs Valkenburger Professoren, der später selbst an der Sophia-Universität wirkte, gab dem Eifeler Novizen den Rat: „Wenn Sie in Japan arbeiten wollen, machen Sie sich die Überzeugung zu Eigen, dass Sie von den Japanern ebenso viel lernen können, wie diese von Ihnen“.
Dieses Prinzip des Dialogs hat der Mechernicher Jesuit übernommen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die praktische Arbeit in Tokio und wirkte missionarisch, denn „Literatur rührt an Werte, die auch den religiösen Glauben betreffen“, so Pater Roggendorf.

Was aber hat Joseph Roggendorf selbst von den Japanern gelernt? Im Nachwort seiner von Ingrid und Manfred Baldus übersetzten „Lebenserinnerungen“ heißt es: „Die Neigung, Gefühle zu schonen, Zusammenstöße zu vermeiden und Kompromisse zu schließen, ist nicht nur ein Phänomen gesellschaftlichen Verhaltens, sie ist auch Ausdruck einer Weltsicht, für die ich im Laufe der Jahre Sympathien entwickelt habe.!
Und weiter: Charakteristisch ist die Toleranz gegenüber anderen Standpunkten und die Weigerung, beim Argumentieren die Harmonie aufs Spiel zu setzen, da wahrscheinlich viele Probleme, wie ein untergründiges Empfinden lehrt, nicht vollständig lösbar sind.“
„Ich wankte, er blieb standfest“
Dies, so Manfred Baldus seinerzeit bei der Buchvorstellung im Mechernicher Rathaus, möge sich auch mit jener Einschätzung treffen, die der US-Amerikaner Edward Seidensticker (1921-2007), ein bekannter Übersetzer japanischer Literatur, über den Jesuitenpater aus der Eifel abgegeben habe: „Ich weiß nicht, wo man ihn im politischen Spektrum der Jesuiten unterbringen könnte, aber ich würde ihn als liberal im ursprünglichen Sinne beschreiben, der Toleranz und breitangelegter Aufgeschlossenheit zugetan.“

Seidensticker weiter: „Es gab zwischen uns nie etwas, das man auch nur entfernt als hitzige politische Debatte bezeichnen könnte. Bisweilen stand ich links und manchmal rechts von ihm. Aber nicht er war es, der seinen Standort veränderte, sondern ich. Ich schwankte, er blieb standfest.“
Joseph Roggendorf, der seine „Memoiren“ ursprünglich für seine japanischen Studenten geschrieben hatte (seine Schrift erschien erst 2004, auch in Englisch), beschreibt auch seine Kindheit und Jugend am Mechernicher Bleiberg während der Weimarer Republik ausführlich. Auch die Turbulenzen während der Nazizeit, dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit werden thematisiert.

Professor Baldus: „Das tut Joseph Roggendorf in einer sehr klaren, ja einfachen Sprache.“ Das Werk sei weder theologisch kompliziert, noch wissenschaftlich abgehoben, sondern für jeden Leser gut verständlich. Damit liefere der Jesuit und Literaturwissenschaftler heute im Nachhinein ein unnachahmliches Zeitzeugnis aus Mechernich und der nördlichen Eifel.
Familie keineswegs frömmlerisch
Es komme zum Ausdruck, wie die Wurzeln im liberalen, aber religiös gefestigten Mechernicher Elternhaus das weltbürgerliche Selbstbewusstsein des späteren Jesuitenpaters und Professors bestimmten. Eine seiner Schwestern, Dr. Margarete Brown, die auch lange in Indien wirkte und mit Oscar Henry Brown, dem obersten Kolonialrichter in Indien, verheiratet war, sagte einmal in einem Interview, das Elternhaus Roggendorf sei „katholisch-konservativ, aber keineswegs frömmlerisch” gewesen.

Gleichwohl sei es „traumatisch“ für die vier jüngeren Geschwister gewesen, als die vier älteren, eins nach dem anderen, in Orden eintraten und Missionare wurden. Der jüngste Bruder, Hubert (Jahrgang 1919), der später Arzt wurde und selbst neun Jahre in Indien wirkte, schloss seine Schwestern Agnes und Maria in ihren Zimmern ein, als er hörte, dass auch sie ins Kloster wollten.
pp/Agentur ProfiPress
04/22/2026
