Ihre Wiege stand in Mechernich: Josef Dederichs wurde 1873 in Bleibuir geboren – Ein schwerer Unfall zeichnete ihn fürs Leben, das Haus Arenberg förderte sein außergewöhnliches Talent – Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie und Schüler des berühmten Eifelmalers Fritz von Wille – Seine Bilder hängen bis heute weit verstreut in privaten Wohnzimmern
Mechernich-Bleibuir – Vielleicht wäre Josef Dederichs Förster geworden wie sein Vater. Vielleicht hätte er ein ganz anderes, körperlich unbeschwerteres Leben geführt. Doch dann ereignete sich in seiner Kindheit ein Unfall, der sein Bein dauerhaft versteifte und den Jungen aus Bleibuir bis an sein Lebensende hinken ließ.

Was zunächst wie eine Katastrophe aussah, wurde zu einer Lebenswende. Denn der gehbehinderte Förstersohn hatte etwas anderes als körperliche Unversehrtheit: Er konnte zeichnen und malen. Und zwar offenbar so gut, dass das herzogliche Haus Arenberg auf ihn aufmerksam wurde, das zwischen Bleibuir und Gemünd umfangreiche Waldungen besaß, in denen der Vater als Förster wirkte.

Josef Dederichs, geboren am 21. Januar 1873 in Bleibuir, wurde Landschafts-, Tier- und Marinemaler der Düsseldorfer Schule. Seine Bilder zeigen die Eifel mit ihren schweren Wolkenhimmeln und weiten Horizonten, Rheinlandschaften, holländische Häfen, Fischerboote, Gebirge, Blumen und Tiere. Heute ist sein Name außerhalb von Sammlerkreisen längst nicht so bekannt wie der seines Lehrers Fritz von Wille. Dabei hing und hängt Dederichs' Kunst vermutlich in weit mehr Eifeler Wohnzimmern, als man vermuten würde.
Förstersohn mit acht Geschwistern
Seine Herkunft war bodenständig. Vater Johann Heinrich Dederichs stand im Dienst der Herzöge von Arenberg. Mutter Sofia, geborene Zimmermann, kümmerte sich um die große Familie. Josef wuchs mit acht Geschwistern in Bleibuir auf; seine Zwillingsschwester Sofia starb bereits wenige Monate nach der Geburt.

Die Familie Dederichs war mit dem Forst verwachsen. Schon Vorfahren hatten diesen Beruf ausgeübt, ebenso zwei Onkel Josefs. Der Junge wuchs zwischen Wald, Wild, Feldern und den großen Landschaften der Eifel auf – mitten in jener Bilderwelt, die später zu einem wesentlichen Teil seines künstlerischen Lebenswerkes werden sollte.

Über den folgenreichen Unfall existieren unterschiedliche Überlieferungen. Nach einer Version wurde Josef bei einer Jagdgesellschaft von einer Kutsche erfasst. Eine andere erzählt von einem schweren Beinbruch bei einem Sturz während einer herzoglichen Jagd. Das Bein blieb versteift, Dederichs war lebenslang gehbehindert. Und gewiss ist auch, dass der Junge danach besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung durch die Familie von Arenberg erhielt.
Der Herzog öffnete Türen
Schon in der Bleibuirer Volksschule fiel Dederichs' Begabung auf. Besonders beim Zeichnen und Malen soll er seinem Lehrer Heinrich Josef Brammertz aufgefallen sein. Irgendwann war nicht mehr zu übersehen, dass Talent vorhanden, nicht bloß Fingerfertigkeit eines Schuljungen.

Das Haus Arenberg unterstützte den Förstersohn schließlich dabei, aus seiner Begabung einen Beruf zu machen. Um die Jahrhundertwende führte der Weg des jungen Mannes an einen Ort, der für einen angehenden Künstler damals zur ersten Adresse in Deutschland gehörte: an die Königlich-Preußische Kunstakademie in Düsseldorf.
Dort wurden keine gefälligen Landschaftsbilder für die gute Stube produziert. Die Ausbildung war hartes Handwerk: Zeichnen nach antiken Skulpturen, Anatomie, Perspektive, Licht und Schatten, Komposition – erst danach durfte sich der angehende Künstler zunehmend der freien Malerei widmen. Aus dem gehbehinderten Förstersohn aus Bleibuir wurde ein akademisch ausgebildeter Kunstmaler.
Beim großen Fritz von Wille
Entscheidend für Dederichs wurde schließlich ein anderer Mann, dessen Name untrennbar mit der bildlichen Erfindung der romantischen Eifel verbunden ist: Fritz von Wille. Der berühmte Landschaftsmaler wurde Dederichs' künstlerisches Vorbild und Lehrer. Die Verbindung dürfte wiederum durch das Haus Arenberg zustande gekommen sein.

Von Wille zeigte einer ganzen Malergeneration, dass Landschaft mehr sein konnte als das möglichst genaue Abmalen von Bergen, Bäumen und Seen. Es ging um Atmosphäre, um Licht, um Wolken, um jene kurzen Augenblicke, in denen ein Sonnenstrahl plötzlich einen Hang aus der dunklen Landschaft herausschnitt oder sich über einem Vulkanmaar Himmel und Erde beinahe miteinander vermischen. Dederichs lernte diese Schule gründlich.
Gerade seine Eifelbilder leben von solchen Lichtwirkungen. Er malte draußen, unmittelbar vor dem Motiv, soweit ihm jemand beim Transport seiner schweren Staffelei helfen konnte. Wegen des steifen Beines blieb er dabei auf Unterstützung angewiesen. Das Wetter der Eifel machte es ihm nicht einfacher: wandernde Wolken, plötzlich wechselndes Licht, diesige Horizonte. Der Maler musste gewissermaßen entscheiden, welchen Augenblick er festhalten wollte – und ihn auf der Leinwand einfrieren.
Von Bleibuir nach Köln
Nach der Ausbildung zog Dederichs nach Köln, zunächst in die Südstadt, später nach Bayenthal. 1914 lernte er Agnes kennen, eine Zahnärztin. Die beiden heirateten und bekamen Tochter Anni. Agnes, in der Familie liebevoll „Tant Nettchen“ genannt, war offenbar nicht nur Ehefrau und Mutter, sondern auch das wirtschaftliche Rückgrat des Künstlerhaushalts. Sie betrieb eine Zahnarztpraxis und kümmerte sich zumindest teilweise um den Verkauf der Bilder ihres Mannes. Während Josef malte, sorgte Agnes dafür, dass Kunst und Haushalt nicht ausschließlich von der Inspiration lebten.

Dederichs entwickelte eine beachtliche thematische Bandbreite. Auf Reisen mit Frau und Tochter an die belgische und niederländische Küste, in die Alpen, nach Italien und Norwegen skizzierte er Landschaften und Szenen. Zurück im Atelier entstanden daraus größere Ölgemälde: Hafenanlagen, Schiffe auf bewegter See, Fjorde, Alpenpanoramen, Blumenmärkte.
Daneben malte er Tier- und Jagdszenen sowie Blumen- und Früchtestillleben. Doch die Eifel blieb etwas anderes. Sie war keine Reisebekanntschaft. Sie war seine Heimat.
Heimkehr im Bombenkrieg
Der Zweite Weltkrieg führte Josef Dederichs schließlich wieder für längere Zeit nach Bleibuir zurück. Sein Wohnhaus in Köln-Bayenthal wurde bei einem Bombenangriff beschädigt beziehungsweise zerstört. Dederichs zog zu seiner Schwester Margaretha Beul in die Rotbachstraße nach Bleibuir. Dort richtete er sich erneut ein Atelier ein.

Während seine Frau und Tochter in Köln blieben, malte der inzwischen ältere Künstler wieder in seiner Heimat. Viele Bilder aus dieser Zeit dürften in Häusern der Umgebung geblieben sein. Denn Dederichs war offenbar großzügig: Werke wurden nicht nur verkauft, sondern auch an Freunde und Bekannte verschenkt.
Das erklärt ein Phänomen, auf das Jahrzehnte später diejenigen stießen, die sein Werk wieder zusammensuchen wollten: Seine Gemälde waren überall – nur nicht in einem zentralen Nachlass. Sie hingen in Bleibuir, Gemünd, Hellenthal, Kall, Euskirchen, Bonn, Bochum, Bremen und anderswo. Ein Lebenswerk hatte sich buchstäblich unter die Leute gemischt.
Ein fast vergessener Eifelmaler
1949 kehrte Josef Dederichs nach Köln-Bayenthal zurück. Am 7. Februar 1958 starb er dort im Alter von 85 Jahren. Während Fritz von Wille zum Inbegriff des Eifelmalers wurde und seine Werke in Museen, Publikationen und Ausstellungen präsent blieben, geriet sein Bleibuirer Schüler zunehmend aus dem öffentlichen Blick.
Ganz vergessen war er allerdings nicht. Schon 1987 machte der Gemünder Tageszeitungsredakteur und Karikaturist Bernd Kehren mit zwei Beiträgen auf den Bleibuirer aufmerksam. Am 13. November erschien in der „Kölnischen Rundschau“ seine Geschichte „Die Odyssee endete am Mauelter Berg“, einen Tag später folgte „Der vergessene Maler“.

Kehren gehörte damit zu den ersten Journalisten der Region, die systematisch nach Dederichs, seinen Bildern und den von ihm gemalten Landschaften fragten. Im selben Jahr nahm sich auch der Monschauer Journalist Pejo Weiß des rätselhaften Eifelmalers an. Sein Beitrag „Eifelhöhe 501,3“ erschien im November 1987 in der Zeitschrift „neues rheinland“ des Landschaftsverbandes. Ausgangspunkt war eine beinahe kriminalistische Frage: Wo genau hatte Dederichs gestanden, als er eine bestimmte Eifellandschaft malte?
Der Ingenieur Detlef Baasch hatte das Bild 1982 bei einer Berliner Auktion erworben. Wer Josef Dederichs war, ließ sich noch herausfinden. Weitaus schwieriger war die zweite Frage: Welche Landschaft hatte der Maler dargestellt?

Baasch schrieb Dutzende Familien namens Dederichs an, befragte Heimatkundige und Förster. Schließlich führten die Spuren wieder in die Eifel. Auch Bernd Kehren, damals Redakteur der „Kölnischen Rundschau“ in Gemünd, und Oberförster Gunther Friedel von der Arembergischen Forstverwaltung halfen weiter. Am Ende ließ sich der Blickwinkel bestimmen: Dederichs hatte die Landschaft von einer Anhöhe aufgenommen, deren Lage mit der Eifelhöhe 501,3 beschrieben werden konnte, einem Punkt am Kohlweg im Kermeter. So wurde aus Kunstgeschichte beinahe ein Heimatkrimi.
58 Bilder kamen zusammen
Den großen Schritt zurück ins öffentliche Bewusstsein machte schließlich Bleibuir selbst. Als sich 2002 die Vorbereitungen auf Dederichs' 130. Geburtstag konkretisierten, konnten die Initiatoren bereits auf die Vorarbeiten der achtziger Jahre zurückgreifen. Ria Schoeller, Dieter Schröder, Klaus-Peter Hoß und Professor Dr. Ulrich Mehler begannen, Bilder und Besitzer aufzuspüren. Auch die regionale Presse half bei der Suche. Bernd Kehren berichtete erneut für die „Kölnische Rundschau“, Manfred Lang für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ über die geplante Gedächtnisausstellung. Die Resonanz war verblüffend: Besitzer meldeten sich und boten Gemälde als Leihgaben an.

Was zunächst nach einigen Dutzend Bildern aussah, wuchs sich zu einer erstaunlichen Werkschau aus. 58 Arbeiten Josef Dederichs' konnten schließlich in Bleibuir zusammengetragen werden – Bilder, die zuvor in Privathäusern zwischen Eifel, Rheinland und weit darüber hinaus verstreut gewesen waren.
Die inzwischen verstorbene Ria Schoeller, eine Großnichte des Malers und Nichte des langjährigen Mechernicher Stadtbrandmeisters und Bleibuirer Ortsvorstehers Jean Schoeller, gehörte zu den treibenden Kräften. Ihr zur Seite stand Dieter Schröder aus Hostel, Eifelmaler-Forscher und später Mitherausgeber des „Künstlerlexikons Maler der Eifel“. Die Stadt Mechernich beschreibt seine jahrzehntelange Forschungsarbeit; das Lexikon umfasst Biografien von rund 2500 Malern. Schröder konnte unter anderem auch zweifelsfrei belegen, dass Josef Dederichs in Bleibuir und nicht, wie ältere Quellen behaupteten, in Schleiden geboren wurde.
Was zunächst kaum möglich erschien, gelang: Durch Zeitungsberichte, persönliche Kontakte, Sammler und regelrechte Spurensuche wurden immer mehr Besitzer von Dederichs-Bildern gefunden. Am Ende kamen 58 Werke zusammen. Eine bemerkenswerte Zahl für einen Künstler, dessen Bilder über Jahrzehnte in Privatbesitz zerstreut waren.

Die Ausstellung zeigte zugleich, wie tief Josef Dederichs in seiner Heimat verwurzelt geblieben war. Viele Besitzer hatten keinen kunsthistorischen Schatz gekauft. Sie hatten einen „Dederichs“ geerbt, geschenkt bekommen oder seit Jahrzehnten im Wohnzimmer hängen. Und manchmal wussten sie kaum, wer der Mann gewesen war, dessen Name unten auf der Leinwand stand.
Heute lässt sich Josef Dederichs vielleicht gerade deshalb wieder neu entdecken. Nicht als zweiter Fritz von Wille. Nicht als vergessener Großmeister, den man nachträglich größer machen müsste, als er war. Sondern als eigenständiger, handwerklich ausgezeichnet ausgebildeter Künstler der Düsseldorfer Landschaftsmalerei, der weit herumkam und dennoch ein wesentliches Motiv nie verlor: die Landschaft seiner Kindheit.
pp/Agentur ProfiPress
11/05/2026

