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Manfred Lang

09/29/2026

Erntedank Weckruf zum Handeln

Erik Pühringer, der Leitende Pfarrer des Pastoralen Raumes St. Barbara Mechernich, nimmt das Erntedankfest zum Anlass für eine kritische Bestandsaufnahme im Pastoralen Raum St. Barbara Mechernich: „Ein ,Weiter so‘ ist nicht mehr möglich“. Archivfoto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Leitender Pfarrer Erik Pühringer nimmt das Erntedankfest zum Anlass für eine kritische Bestandsaufnahme im Pastoralen Raum St. Barbara Mechernich – Klimawandel, schwindende kirchliche Ressourcen und Personalmangel verlangen nach seiner Überzeugung rasche Veränderungen – „Ein Weiter so ist nicht mehr möglich“

Mechernich – Erntedank ist traditionell ein Fest des Dankes für das, was gewachsen und gelungen ist. Für Erik Pühringer, Leitender Pfarrer im Pastoralen Raum St. Barbara Mechernich, ist es in diesem Jahr zugleich Anlass für unbequeme Fragen: Was haben Menschen mit ihrem Handeln tatsächlich hervorgebracht? Welche „Ernte“ fahren Kirche und Gesellschaft derzeit ein – und was muss heute getan werden, damit auch morgen noch etwas wachsen kann?

In einem grundsätzlichen Beitrag im Pfarrbrief zum Erntedankfest richtet Pühringer den Blick deshalb nicht nur auf gefüllte Scheunen oder den Lohn menschlicher Arbeit. Er benennt drei Entwicklungen, die ihm besondere Sorgen bereiten: die Folgen des Klimawandels, den tiefgreifenden Strukturwandel der Kirche und den bevorstehenden starken Rückgang hauptamtlicher pastoraler Mitarbeiter.

„Ich habe da so meine Zweifel und Anfragen“, schreibt der Pfarrer mit Blick auf ein unbeschwertes Erntedankfest. Der extrem warme und trockene Sommer, ausgedörrte Böden, niedrige Wasserstände und Waldbrände sind für Pühringer sichtbare Zeichen des Klimawandels. Er befürchtet, dass Trockenheit und Brände künftig häufiger zum Alltag gehören könnten, und fragt kritisch nach der Verantwortung von Politik und Gesellschaft beim Erreichen der Klimaziele.

Eine zweite Entwicklung erlebt er unmittelbar in der Kirche. Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinke, zugleich werde deren Altersdurchschnitt immer höher. Weniger Kirchenmitglieder bedeuteten langfristig auch sinkende Kirchensteuereinnahmen. Die Konsequenzen würden vor Ort spürbar: Kirchengemeinden könnten nicht mehr alle Gebäude, Kapellen und Kirchen finanzieren und unterhalten.

Welche Kirchen erhalten?

Damit stelle sich auch im Pastoralen Raum St. Barbara die schwierige Frage, welche Gotteshäuser künftig erhalten werden können, wo Gottesdienste stattfinden und von welchen kirchlichen Gebäuden sich Gemeinden möglicherweise trennen müssen.

Erik Pühringer, der Leitende Pfarrer des Pastoralen Raumes St. Barbara Mechernich, nimmt das Erntedankfest zum Anlass für eine kritische Bestandsaufnahme im Pastoralen Raum St. Barbara Mechernich: „Ein ,Weiter so‘ ist nicht mehr möglich“. Archivfoto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Erik Pühringer, der Leitende Pfarrer des Pastoralen Raumes St. Barbara Mechernich, nimmt das Erntedankfest zum Anlass für eine kritische Bestandsaufnahme im Pastoralen Raum St. Barbara Mechernich: „Ein ,Weiter so‘ ist nicht mehr möglich“. Archivfoto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Noch einschneidender könnte nach Pühringers Einschätzung der personelle Wandel werden. Durch das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge werde die Zahl der hauptamtlich pastoral Tätigen in den kommenden Jahren um mehr als die Hälfte zurückgehen. Das bisherige Modell, in dem Hauptamtliche große Teile des kirchlichen Lebens organisiert und getragen hätten, werde deshalb nicht fortbestehen können.

Pühringer übt dabei auch Selbstkritik am bisherigen kirchlichen System. Hauptamtliche hätten sich jahrzehntelang „um fast alles selber gekümmert“. Dadurch hätten viele Gläubige verlernt, über ihren Glauben zu sprechen, selbst Verantwortung zu übernehmen und Glaubenszeugnis zu geben.

Die Gemeinden seien „mit allem versorgt“ worden – und die Gläubigen dadurch letztlich teilweise „entmündigt“, formuliert der Leitende Pfarrer zugespitzt. Für ihn führt deshalb kein Weg an einer grundsätzlichen Frage vorbei: Wie soll Kirche künftig aussehen? Bleibt sie stark hierarchisch geprägt oder entwickelt sie sich stärker zu einer gemeinschaftlich getragenen Kirche, wie sie Pühringer in den frühen christlichen Gemeinden vermutet?

Von der Antwort darauf hänge ab, welche Gebäude, Strukturen, Mitarbeiter und Formen kirchlichen Lebens in zehn oder 15 Jahren noch gebraucht würden. Einfache Antworten hat auch der Leitende Pfarrer nicht. „Ich habe keine Antwort“, schreibt er ausdrücklich. Ebenso deutlich macht er aber, dass Abwarten für ihn keine Option ist: „Ein ,Weiter so!‘ oder ein ,Es wird schon gut gehen!‘ sind nicht mehr möglich.“

„Brisanz unterschätzt“

Pühringer räumt dabei ein, die Geschwindigkeit der Veränderungen selbst unterschätzt zu haben: „Ich hatte die Brisanz und Dringlichkeit unterschätzt. Und nicht nur ich.“ Viele kleine Schritte statt Resignation: Trotz der bedrängenden Diagnose endet seine Betrachtung nicht pessimistisch. Pühringer setzt auf gemeinsame Verantwortung und auf Veränderungen, die nicht ausschließlich von kirchlichen Leitungsebenen ausgehen. Viele kleine Schritte, die viele Menschen an vielen Orten gingen, könnten etwas bewirken.

Der erste Schritt bestehe für ihn zunächst darin, die Notwendigkeit des Handelns überhaupt anzuerkennen. Danach gelte es, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die nicht nur Strukturen bewahrten, sondern eine lebendige Glaubensgemeinschaft auch unter völlig veränderten Bedingungen ermöglichten.

Damit bekommt das Erntedankfest für Pfarrer Erik Pühringer eine zweite Blickrichtung: Dankbar zurückschauen auf das, was gewachsen ist – aber ebenso verantwortlich dafür sorgen, dass künftig wieder etwas wachsen kann. Wenn die notwendigen Veränderungen Früchte trügen und die Gemeinschaft der Glaubenden dadurch lebendig bleibe oder sogar neue Lebendigkeit gewinne, dann, so seine Hoffnung, könne auch künftig Erntedank gefeiert werden.

pp/Agentur ProfiPress