Zwischen Friedhof und Fanblock - Mechernicher Bestatter und Eishockey-Enthusiast (64) jubelt auf Videowürfel in Toronto: Wie Schreinermeister Karlheinz „Hein“ May den Eifeler Fanklub zur bekannten Adresse in der Lanxess-Arena machte
Mechernich/Rinnen - Toronto, Januar 2026: Für ein paar Sekunden gehört Karlheinz May die größte Bühne seines Fanlebens. Während einer Werbepause richtet sich die Kamera in der Scotiabank Arena Toronto auf den Besucher aus der Eifel.
Sein Bild erscheint während eines Powerbreaks auf dem riesigen Videowürfel unter dem Hallendach. Rund 19.000 Zuschauer sehen den jubelnden Mann aus der Eifel im blauen Trikot der Toronto Maple Leafs, der begeistert in die Kamera winkt. Fünf oder sechs Sekunden dauert der Auftritt.
„Für die meisten Besucher war es Nebensache“, sagt der sachliche und im Beruf zurückhaltende und empathische Mann im schwarzen Anzug, der lange selbständiger Schreinermeister im Familienbetrieb in Rinnen (Gemeinde Kall) war und heute für den Mechernicher und Simmerather Bestatter Marcel Ohles arbeitet.

Für den 64jährigen Karlheinz May selbst und 59 Reisegefährten aus Deutschland war der Augenblick einer der Höhepunkt ihrer Reise zu sieben Eishockey-Matches in Vancouver, Edmonton, Calgary, Winnipeg, Toronto, Ottawa und Montreal. „Mein Traum, für den ich vier Jahre gespart hatte, ging in Erfüllung“, erklärte der eingefleischte Fan des schnellen Drei-Drittel-Spiels mit Puck und harten Bandagen im Interview mit der Mechernicher Agentur ProfiPress.
24 Gründer, heute 147 Mitglieder

„Das können wahrscheinlich nur Eishockeyfans nachvollziehen“, übersetzte Horst Pagel aus Mechernich, „Kalles“ ältester Eishockeyfreund im 147 Mitglieder zählenden eingetragenen Verein der „Kallbach Haie Eifel e.V.“, die der Rinnener mit Ehefrau Irene, den Töchtern Anne und Carmen, Pagel, dem Hellenthaler Ralf Limburg und 18 weiteren Fans im Jahre 2014 gegründet hat und seither als Chairman leitet.
Wer den 64-Jährigen kennt, weiß: Der Mann auf dem Videowürfel der „Scotiabank-Arena“, dem früheren „Air Canada Centre“ in Toronto, ist keiner der rund 19.000 anderen Zuschauer aus Kanada und den USA, sondern waschechter Eifeler und von Haus aus eingefleischter Fan des Kölner EC, der legendären „Haie“.

Als Enthusiast des schnellen Spiels, in dem mit harten Bandagen und rüstungsähnlichen Trikots auf Schlittschuhkufen um eine schnelle Scheibe mit einem Durchmesser von 3 Zoll (7,62 cm) und einem Gewicht zwischen 156 und 170 Gramm gefightet wird, steht zu Hause regelmäßig nachts auf, um sich im Fernsehen die Spiele der insgesamt 32 kanadischen und US-amerikanischen Teams der National Hockey League (NHL) anzusehen. Neben den Kölner Haien schlägt sein Herz für die Toronto Maple Leafs, sein Fantrikot trägt die Nummer 44 seines Idols, Verteidiger Morgan Rielly.
In seinem Heimatort Rinnen in der Gemeinde Kall nennt ihn jeder einfach „Mays Hein“. Als Schreinermeister führte er viele Jahre den elterlichen Betrieb weiter. Zum Unternehmen gehörte auch ein Bestattungsinstitut. Den ernsten Umgang mit Verstorbenen und ihren trauernden Angehörigen kennt der staatlich geprüfte Bestatter von Lehrlingsbeinen an. Eishockey wurde im Lauf der Jahre zum psychologischen Ausgleich für die mit großer Empathie ausgeübte Begleitung von Menschen in den schwersten Stunden ihres Lebens.

Wegen großer Klappe rausgeflogen
„Mein Beruf und Eishockey sind schon zwei verschiedene Welten“, sagt „Kalle“ im Gespräch mit dem Redakteur „Manni“ Lang: „Hier die Stille von Trauerhallen und Friedhöfen, dort die ohrenbetäubende Begeisterung einer knapp 20mal im Jahr ausverkauften Lanxess Arena.“ Der schwarze Anzug und das rot-weiße Trikot sind sichtbarer Ausdruck des Wanderers zwischen diesen Welten. Der zurückhaltende Bestatter wird dann zum leidenschaftlichen Anhänger, der bereits dreimal wegen seiner großen Klappe aus Stadien in Augsburg und Ingolstadt geflogen ist.

In Ingolstadt begleiteten ihn sogar zwei Polizistinnen aus der Arena. Seine Frau Irene erhielt wenig später eine Nachricht aufs Handy: „Ich bin rausgeflogen.“ Bis tief in die Nacht machte sie sich Sorgen, ob ihr Mann wieder wohlbehalten heimkehren würde, der sich mit Augustiner-Bräu aus einer Tankstelle die Wartezeit auf die anderen „Kallbach Haie“ verkürzte. Heute lacht die Familie über diese Geschichte.
Denn ohne seine Familie gäbe es die „Kallbach Haie“ wahrscheinlich gar nicht. Ihre Geschichte begann, ohne dass das einer geahnt hätte am zweiten Weihnachtstag 2006. Damals besucht die Familie May erstmals gemeinsam ein Spiel der Kölner „Haie“. Die Lanxess Arena heißt zu der Zeit noch „Kölnarena“. Die Eheleute May und ihre Töchter Anne und Carmen erleben zum Sonderfamilienpreis von 36 Euro ihr erstes Eishockeyspiel überhaupt.
„Es war Liebe auf den ersten Blick“, resümiert Eishockey-Mitfan Horst Pagel. „Von dem Tag an waren wir alle infiziert“, erinnert sich Karlheinz May. Aus ihrem Arena-Besuch wurde eine Leidenschaft, die Kalle zunächst zum Mitglied im Kölner Klub „Fun Sharks“ machte, wo er auch Funktionen übernahm. Aus der Leidenschaft wurde Lebensstil und schließlich ein Fanclub für die Eifel.

24 Mitglieder zählten die „Kallbach Haie Eifel e.V.“ im Mai 2014, heute sind es 147. Sie kommen aus der gesamten Region zwischen Vulkaneifel und Euskirchen, Mechernich ist mit knapp 20 Fans einer der Schwerpunkte. Einige wohnen in Köln, ein gebürtiger Oberbettinger sogar in Miami, der trotz Auswanderung Kontakt zum Heimatverein hält.
47 besitzen Dauerkarten. Regelmäßig fahren die Fans mit der Bahn nach Köln-Deutz, um ihre Haie in der „Lanxess Arena“ zu unterstützen. Dort finden bis zu 18.600 Zuschauer Platz. Die Kölner Haie gehören seit Jahrzehnten zu den Zuschauermagneten des deutschen Eishockeys.
Mittelfeldkicker und Laienspieler
Dass die Kallbach Haie so erfolgreich wurden, liegt nicht nur am Sport. Es liegt an den Menschen. Vor allem an Karlheinz May. Der gelernte Fußballer und frühere Mittelfeldspieler der „Ersten“ und der „Alte Herren“ des SV Rinnen bezeichnet sich selbst schmunzelnd als „Vereinsmeier“. Er ist unter anderem auch Unterstützer des Theatervereins Rinne, des Musikvereins Sötenich und des Eifelvereins: „Als junger Mensch habe ich auch selbst auf der Theaterbühne gestanden“, berichtet der Ober- Kallbach-Hai aus Rinnen.

Er organisiert, telefoniert, plant Fahrten, besucht Fanclubversammlungen in Köln und pflegt enge Kontakte zum Fanprojekt der Kölner Haie und zur Vereinsführung. In der Lobby der „Lanxess Arena“ hat er sogar einen festen Stammtisch für die „Kallbach-Haie“ eingerichtet. Dort treffen sich die Eifeler vor den Spielen, diskutieren Aufstellungen, geben Tipps ab und tauschen Neuigkeiten aus. „Die Kallbach Haie sind in Köln inzwischen ein Begriff“, sagt May nicht ohne Stolz: „Die anderen machen schon große Augen, wenn Haie-Geschäftsführer Philipp Walter am Stammtisch vorbeikommt und mich per Handschlag begrüßt“, erzählt „Kalle“ May: „Und sie sind auch selbst ein bisschen stolz, dass die Eifeler im Fanprojekt und im Klub selbst eine so große Nummer sind“
Denn die „Kallbach Haie“ sind nicht nur ein Verein, sondern für Karlheinz May auch eine Familie. Das zeigt sich auch im Vereinslogo. Entworfen hat es Tochter Anne. Die KEC-Vereinsfarben Schwarz, Rot und Weiß verbinden sich mit dem Grün der Eifel. Ein stilisierter Kallbach schlängelt sich durch das Motiv, aus dem eine Rückenflosse ragt. Anne gestaltete auch das Vereinsbanner mit dem Motto „Around the World“, auf der das Kölner Wappen ebenso Platz findet wie die Deutschlandfahne.
Auf die Nachwuchsarbeit ist Karlheinz May besonders stolz. 28 Mitglieder sind jünger als 25 Jahre. Viele Fanclubs kämpfen mit Überalterung. Die Kallbach Haie nicht. Einmal im Jahr treffen sich Mitglieder und Freunde zum Grillfest auf dem Sportplatz in Rinnen. Dann kommen sogar Fans aus Köln in die Eifel.
Der Zusammenhalt zeigt sich aber auch in schweren Zeiten, wie sich jüngst beim Play-Off-Finale der Eishockey-Bundesliga DEL zeigte, in dem sich die Eisbären Berlin durchsetzten und den Kölner Haien erneut der Meistertitel verwehrt blieb. Auch bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz, bei der die Eifeler mit 26 Fans anreisten und das 6:2 gegen Ungarn sahen, musste die deutsche Nationalmannschaft schließlich nach einer durchwachsenen Vorrunde ebenfalls nach Hause fahren.

„Met Hätz un Siel zom jroße Ziel“
„Die schwersten Stunden des Klubs lagen aber im freundschaftlichen Bereich“, erinnert sich der Vorsitzende der Kallbach-Haie im Interview. Vier Mitglieder mussten sie bereits zu Grabe tragen, darunter auch Gründungsmitglied Ralf Limburg aus Hellenthal, einen ausgewiesenen Eishockeykenner und oft der ruhige Gegenpol zu den Temperamentsbündeln im Verein.
Wenn Karlheinz May erzählt, wird rasch deutlich, dass es um mehr geht als Sport. Es geht um Leidenschaft, die Lust am Leben, um Freundschaften, Erinnerungen und Gemeinschaft. Vielleicht erklärt das auch, warum ein Fanclub aus der Eifel weltweit Kontakte pflegt. Der zweiwöchige NHL-Ausflug nach Kanada mit einem Reiseunternehmen der Augsburger Panther war für ihn persönlich der bisherige Höhepunkt. „Aber auch in den deutschen Eishockeyhochburgen sind die Eifeler mittlerweile bekannte Gesichter.“

Zusammenhalt und familiäre Vereinsverhältnisse sind dem Schreinermeister und Bestattet ausgesprochen wichtig, vielleicht mehr noch als gute Resultate der Haie. Seine Begeisterung vermochten auch minus 36 Grad Celsius in Winnipeg nicht zu kühlen: „Ich träume nachts noch immer von NHL-Eishockey auf höchstem Niveau“, berichtet er im Interview. Und manchmal von einem Augenblick auf dem Videowürfel in Toronto.
Sein Motto aber bleibt der Spruch „Met Hätz un Siel zom jroße Ziel“, der untrennbar mit dem rheinischen Eishockey und insbesondere den Kölner Haien (KEC) verbunden ist. Es drückt für „Mays Hein“ absolute Leidenschaft, Kampfgeist und den unbedingten Willen aus, große sportliche Erfolge wie den Meistertitel zu erreichen. „Aber noch wichtiger sind ihm Familie und Freundschaft“, sagt Horst Pagel.
pp/Agentur ProfiPress
07/10/2026
