Pfarrer Thomas Schlütter fordert die Gläubigen beim traditionellen Kallmuther Sankt-Georgs-Ritt auf, den Kampf gegen die „Drachen unserer Zeit“ aufzunehmen
Mechernich-Kallmuth – Unter strahlend blauem Himmel durch grüne Wälder und vorbei an löwenzahngelben Wiesen zog der 72. Sankt-Georgsritt am 1. Mai von der Kallmuther Burg zum Georgspütz und von dort nach Heiliger Messe und Pferdesegnung wieder zurück auf die Festwiese vor dem Dorf. Nachweislich seit 1666 wird dieser Brauch gepflegt, seit 1953 nicht mehr nur von Pilgern zu Fuß, sondern auch zu Pferde.

Nach 400 Rössern und schätzungsweise 2000 Fußpilgern zum 50. Georgsritt mit Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff vor 22 Jahren ist es mit den Teilnehmerzahlen stetig bergab gegangen. 2026 waren es gerade mal 53 Pferde und 300 Gottesdienstteilnehmer, die gezählt wurden. Manche Zeitgenossen machen auch gar nicht mehr den Umweg über den Georgspütz, sondern lassen es sich gleich auf der Festwiese an der Schevener Straße bei Erbsensuppe, Bier, Kaffee und Kuchen gut gehen.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: „Solange noch ein Reiter mitgeht, werden wir den Georgsritt am Leben halten“, versicherte Ortsbürgermeister Robert Ohlerth dem Stadt-Anzeiger-Berichterstatter Stephan Everling. Und Pfarrer Thomas Schlütter, der Festprediger des Tages, schloss seine Predigt mit den Worten: „Sattelt die Pferde der Hoffnung! Lasst uns sein wie Georg und mutig gegen die Drachen unserer Zeit kämpfen.“

Womit Gestalten wie Wladimir Putin und Donald Trump gemeint waren, aber auch eine wachsende Zahl von Rechtspopulisten in Deutschland und anderswo. „Was wir hier machen, ist kein nostalgischer Kostümball, keine Folklore und keine leere Tradition“, versicherte der Pfarrer von Gemünd, Schleiden, Hellenthal und Dreiborn: „Wir feiern einen hochaktuellen Auftrag: Georg kämpfte gegen die Drachen seiner Zeit. Heute heißt es: Sei wie Georg! Und kämpfe gegen die Drachen unserer Zeit!“
Gute Figur im Sattel und am Mikro
Der Leitende Pfarrer des Pastoralen Raumes im Schleidener Tal hinterließ an diesem 1. Mai nicht nur einen guten Eindruck als geistlicher Redner, er machte auch eine gute Figur im Sattel des irischen Tinkerwallachs „Jojo“. Auch wenn er seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr geritten war, waren seine diesbezüglichen Fähigkeiten aus der Jugend immer noch erkennbar, wie er sich im Vorfeld bei einem Übungstraining auf dem „Lindenhof“ zwischen Keldenich und Zingsheim hatte attestieren lassen.

Gezogen wurde der so genannte Sakramentenwagen, auf dem auch die Kommunionkinder der Pfarre St. Georg, Altmessdiener Michael Loebel und Andrea und Maleen, Ehefrau und Tochter des Mechernicher Bürgermeisters Michael Fingel Platz genommen hatten, von den Kaltblütern „Zeus“ und „Thor“. Kai Simons und Dietmar Evertz saßen auf dem Kutschbock, Letzterer bereits seit über 30 Jahren.

Insgesamt waren an die 50 freiwillige Helfer unter der Leitung des Wallfahrtsausschussvorsitzenden Gerhard Mayr-Reineke und des Ortsbürgermeisters Robert Ohlerth im Einsatz, darunter Feuerwehrleute aus Weyer und Lorbach, der Musikverein Kallmuth unter der Leitung von Martin Stoffels, zahlreiche Frauen und Männer bei der Bewirtung und beim Platzaufbau sowie Polizei und Rotes Kreuz.

Auf dem Prozessionswagen ließen sich derweil die anderen Geistlichen zum Georgspütz chauffieren. Das waren Pfarrer Dr. Shaji Thomas Manikulam aus dem indischen Kerala, der gerade bei der Communio in Christo in Mechernich für zwei Jahre hospitiert, Subsidiar Pfarrer Felix Dörpinghaus und Diakon Manfred Lang, der auch Stellvertreter des Communio-Oberen Father Jaison Thazhathil ist.
Birett mit Reiterhelm getauscht
„Ich habe mich seit Wochen auf diesen großartigen Tag gefreut“, verriet Thomas Schlütter dem Zeitungsreporter. In seiner Kindheit und Jugend hatte er das Reiten gelernt und sich noch als Kaplan im Westernreiten geübt. „Vorbildlich vertauschte er auch, kurz bevor die Prozession startete, das traditionelle Birett, die Kopfbedeckung katholischer Geistlicher, mit dem Reiterhelm“, schrieb Stephan Everling in der Samstagsausgabe von „Kölnischer Rundschau“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“.

„Schauen Sie sich diesen Georg an“, begann der frühere Domvikar und Bischöfliche Beauftragte für den Ständigen Diakonat seine Predigt: „Da sitzt er auf seinem Pferd – bei manchen von Ihnen heute vielleicht etwas majestätischer als bei anderen, je nachdem, wie eigenwillig das Ross heute Morgen war. Er hält die Lanze fest im Griff, den Blick entschlossen auf das Untier gerichtet. Ein Bild wie aus der Zeit gefallen? Von wegen!“

Heute gehe es nicht mehr um Drachen, die Jungfrauen fressen wie in der Georgslegende, sondern die sich auf die Menschenwürde, den Frieden und die demokratischen Werte stürzen: „Das sind die Drachen des autoritären Imperialismus: Wenn wir auf die Weltbühne schauen, sehen wir so viele Mächte, die den Frieden mit Füßen treten.“

Der Angriffskrieg, den Präsident Putin in der Ukraine entfesselt hat und der bis heute die Welt erschüttert, sei nichts anderes als ein „archaischer, drachengleicher Versuch, Freiheit durch rohe Gewalt zu ersticken“, so Schlütter: „Und nichts anderes sehen wir in der politischen Rhetorik eines Donald Trump und seiner Nachahmer, wie Wahrheit durch Lügen ersetzt wird, und wie internationale Solidarität durch puren Egoismus und isolationistischen Nationalismus ersetzt werden soll.“
„Arbeit muss dem Menschen dienen“
Die Drachen unserer Zeit säßen aber mitten unter uns und in unseren Einkaufskörben, so der Prediger, „im unbegrenzten Konsum, der unsere Schöpfung und die Menschen auffrisst, als gäbe es kein Morgen.“ Wer billigste T-Shirts kaufe, die unter Sklavenarbeit entstanden sind, der füttere den Drachen der Ausbeutung. Arbeit müsse dem Menschen dienen, nicht der Gier, erinnerte Schlütter an den Heilgen Josef, den Schutzpatron der Arbeiter, dessen am „Tag der Arbeit“, dem 1. Mai, ebenfalls besonders gedacht werde.

Gerhard Mayr-Reineke, der Vorsitzende des Wallfahrtsausschusses der Pfarre St. Georg Kallmuth und des Pastoralen Raumes St. Barbara Mechernich, begrüßte die Pilger und die Geistlichen im Namen des in Kur weilenden Pfarrers Erik Pühringer.

Er dankte allen, die gekommen waren, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, und besonders den Dutzenden freiwilligen Helfern aus Kallmuth und den Nachbardörfern. Unter den Gästen begrüßte er ganz besonders auch Mechernichs Bürgermeister Michael Fingel, dessen Frau Andrea und Töchterchen Maleen sowie den aus der Kallmuther Filialgemeinde Kalenberg stammenden stellvertretenden Landrat Ralf Claßen. Auch Pfarrer Lothar Tillmann und Gemeindereferentin Elke Jodocy wurden als treue Georgsritt-Teilnehmer gesichtet. Pastoralreferentin Linda Schmitt-Thees führte „Jojo“ während der Prozession. Stefan Werner brachte das Pferd für den reitenden Pastor vom „Lindenhof“ nach Kallmuth.



pp/Agentur ProfiPress
05/04/2026

