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Wie Bauer Ignaz den Pferdetritt überlebte

Wie Bauer Ignaz den Pferdetritt überlebte
150 Teilnehmer beim Anästhesie-Symposium im LVR-Freilichtmuseum Kommern – Neben neuen Erkenntnissen zur Schwerverletztenversorgung stand auch ein wenig Geschichte auf der Tagesordnung
Kommern – Das LVR-Freilichtmuseum Kommern hatten sich die Krankenhäuser aus Mechernich, Schleiden und Euskirchen erstmals als Veranstaltungsort für das 5. Anästhesie-Symposium im Nationalpark Eifel ausgesucht. Im historischen Tanzsaal aus Pingsdorf begrüßte Dr. Rudolf Hering, Chefarzt des veranstaltenden Kreiskrankenhauses Mechernich, rund 150 Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern und Rettungssanitäter aus dem Kreis Euskirchen, aber auch aus den umliegenden Großstädten. Mitgekommen waren außerdem 50 Angehörige, für die seitens des Museums ein Programm vorbereitet worden war mit Museumsrundgang und Backen für die Kinder.
17 Referenten, überwiegend vom Kreiskrankenhaus Mechernich selbst sowie von Kölner und Bonner Kliniken, informierten in Vorträgen über neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Schwerverletztenversorgung. Der Theorie folgten anschließend Workshops und praktische Vorführungen.
Doch zuvor gab es noch ein Schmankerl der besonderen Art für die Teilnehmer der Fortbildungsveranstaltung. Auf Wunsch von Chefarzt Dr. Rudolf Hering eröffnete Dr. Michael H. Faber als stellvertretender Direktor des LVR-Freilichtmuseums Kommern die Vortragsserie mit einem Fachbeitrag nicht aus medizinischer, sondern aus der Sicht des Volkskundlers. “Auf einem Anästhesie-Symposium habe ich bisher noch nicht referiert”, gestand Faber, gleichwohl anmerkend, dass das Freilichtmuseum als Landesmuseum für Volkskunde auch den Umgang mit Krankheiten, Verletzungen und Tod erforscht.
Und so schilderte er den Vertretern der modernen Medizin derart anschaulich die medizinisch unterentwickelten Verhältnisse in der Eifel gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dass es so manch einen der Zuhörer schauderte. “Heilige Apollonia, mich hat ein Pferd getreten! Zur Geschichte posttraumatischer Bewältigungen und was das Freilichtmuseum damit zu tun hat” war sein Beitrag überschrieben.
Der begann mit einem Vorfall, der sich am 8. Oktober 1881 in Schützendorf bei Mechernich ereignete: Bauer Ignaz Roggendorf freut sich, dass er sich von Kaspar Lingscheid das einzige Pferd des Dorfes, das Kaltblut “Myrthe” ausleihen darf, um seine Kartoffeln auf den Mechernicher Markt zu bringen. Doch eine Tollwutinfektion setzt dem Vorhaben ein jähes Ende: Die rasende Stute tritt nach Ignaz, der wird schwerverletzt mit dem Ochsenkarren vom Feld geholt und nach Hause gebracht. Dort liefern sich Eheweib und Nachbarsfrauen einen ehrgeizigen Wettbewerb um die wohl beste der teils bizarren Erste-Hilfe-Methoden. Vorsorglich beten sieben unbescholtene Mädchen die “Sieben Fußfälle” – so, wie es die Kinder in der Eifel überall machen, wenn jemand mit dem Tode ringt. Und schließlich flehen die Frauen des Dorfes die Heilige Apollonia an. Nach ihrem Martyrium, bei dem man ihr alle Zähne ausgeschlagen hat, wird Apollonia als Patronin gegen Zahn- und Kieferleiden verehrt.
“Dass er zuhause im Beistand seiner Familie und Nachbarn um sein Überleben kämpft und nicht in einem Krankenhaus eine medizinisch adäquate Versorgung erfährt, spiegelt die Situation der posttraumatischen Versorgung an sich wider, die auf dem Land fast schon als desolat bezeichnet werden muss”, so Faber. In der Eifel ebenso wie in den anderen rheinischen Mittelgebirgslandschaften waren 1880 so gut wie keine Krankenhäuser vorhanden, und wenn doch, dann gab es dort in der Regel keinen Arzt. “So auch in der Nordeifel: Das 1856 in Schleiden gegründete Krankenhaus dient in erster Linie der Armenpflege, und das 1863 in Euskirchen vom dortigen Dechant gegründete Marien-Hospital hat 1880 immer noch keinen dirigierenden Arzt.”
Zudem seien die wenigen, “Wundärzte” genannten Chirurgen so teuer gewesen, dass sie für den Geldbeutel der Kleinbauern eine hohe Belastung darstellten, so der stellvertretende Museumsleiter weiter. Hinzu kam, dass die Landbevölkerung der ärztlichen Versorgung wenig vertraute. Man ergab sich dem Schicksal, verließ sich auf das eigene Wissen – und auf Apollonia und die Heiligen. Faber: “Sie kosten allenfalls eine Kerze, sind als Fürsprecher auch postmortal noch relevant, kurzum: Hier stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis.”
Akribisch recherchiert, erklärte Faber die Herkunft des Wortes “Piesacken” und unternahm einen mitunter schaurigen Ausflug in die Historie der Reanimation: Glühende Kohlen auf Brustkorb oder Bauch war nur eine von peinvollen Methoden, um zu testen, ob der Patient noch lebt. Mit einem Rückblick auf weitere viele schmerzvolle Jahrzehnte und die Entwicklung der Notfallmedizin bis hinein in die sechziger, siebziger Jahre beendete Faber seine Ausführungen.
Welchen Ausgang Ignaz Roggendorfs Geschichte nahm, enthielt er seinen Zuhörern ebenfalls nicht vor. Faber: “Er hat überlebt dank anderer Faktoren, die für die posttraumatische Versorgung ebenso wichtig sind. Dank Hilfsbereitschaft jedes einzelnen, dank Zusammenarbeit in der Gemeinschaft, dank menschlicher Zuwendung – und vielleicht auch dank Apollonia…”
150 Teilnehmer beim Anästhesie-Symposium im LVR-Freilichtmuseum Kommern – Neben neuen Erkenntnissen zur Schwerverletztenversorgung stand auch ein wenig Geschichte auf der Tagesordnung
Kommern – Das LVR-Freilichtmuseum Kommern hatten sich die Krankenhäuser aus Mechernich, Schleiden und Euskirchen erstmals als Veranstaltungsort für das 5. Anästhesie-Symposium im Nationalpark Eifel ausgesucht. Im historischen Tanzsaal aus Pingsdorf begrüßte Dr. Rudolf Hering, Chefarzt des veranstaltenden Kreiskrankenhauses Mechernich, rund 150 Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern und Rettungssanitäter aus dem Kreis Euskirchen, aber auch aus den umliegenden Großstädten. Mitgekommen waren außerdem 50 Angehörige, für die seitens des Museums ein Programm vorbereitet worden war mit Museumsrundgang und Backen für die Kinder.
17 Referenten, überwiegend vom Kreiskrankenhaus Mechernich selbst sowie von Kölner und Bonner Kliniken, informierten in Vorträgen über neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Schwerverletztenversorgung. Der Theorie folgten anschließend Workshops und praktische Vorführungen.
Doch zuvor gab es noch ein Schmankerl der besonderen Art für die Teilnehmer der Fortbildungsveranstaltung. Auf Wunsch von Chefarzt Dr. Rudolf Hering eröffnete Dr. Michael H. Faber als stellvertretender Direktor des LVR-Freilichtmuseums Kommern die Vortragsserie mit einem Fachbeitrag nicht aus medizinischer, sondern aus der Sicht des Volkskundlers. “Auf einem Anästhesie-Symposium habe ich bisher noch nicht referiert”, gestand Faber, gleichwohl anmerkend, dass das Freilichtmuseum als Landesmuseum für Volkskunde auch den Umgang mit Krankheiten, Verletzungen und Tod erforscht.
Und so schilderte er den Vertretern der modernen Medizin derart anschaulich die medizinisch unterentwickelten Verhältnisse in der Eifel gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dass es so manch einen der Zuhörer schauderte. “Heilige Apollonia, mich hat ein Pferd getreten! Zur Geschichte posttraumatischer Bewältigungen und was das Freilichtmuseum damit zu tun hat” war sein Beitrag überschrieben.
Der begann mit einem Vorfall, der sich am 8. Oktober 1881 in Schützendorf bei Mechernich ereignete: Bauer Ignaz Roggendorf freut sich, dass er sich von Kaspar Lingscheid das einzige Pferd des Dorfes, das Kaltblut “Myrthe” ausleihen darf, um seine Kartoffeln auf den Mechernicher Markt zu bringen. Doch eine Tollwutinfektion setzt dem Vorhaben ein jähes Ende: Die rasende Stute tritt nach Ignaz, der wird schwerverletzt mit dem Ochsenkarren vom Feld geholt und nach Hause gebracht. Dort liefern sich Eheweib und Nachbarsfrauen einen ehrgeizigen Wettbewerb um die wohl beste der teils bizarren Erste-Hilfe-Methoden. Vorsorglich beten sieben unbescholtene Mädchen die “Sieben Fußfälle” – so, wie es die Kinder in der Eifel überall machen, wenn jemand mit dem Tode ringt. Und schließlich flehen die Frauen des Dorfes die Heilige Apollonia an. Nach ihrem Martyrium, bei dem man ihr alle Zähne ausgeschlagen hat, wird Apollonia als Patronin gegen Zahn- und Kieferleiden verehrt.
“Dass er zuhause im Beistand seiner Familie und Nachbarn um sein Überleben kämpft und nicht in einem Krankenhaus eine medizinisch adäquate Versorgung erfährt, spiegelt die Situation der posttraumatischen Versorgung an sich wider, die auf dem Land fast schon als desolat bezeichnet werden muss”, so Faber. In der Eifel ebenso wie in den anderen rheinischen Mittelgebirgslandschaften waren 1880 so gut wie keine Krankenhäuser vorhanden, und wenn doch, dann gab es dort in der Regel keinen Arzt. “So auch in der Nordeifel: Das 1856 in Schleiden gegründete Krankenhaus dient in erster Linie der Armenpflege, und das 1863 in Euskirchen vom dortigen Dechant gegründete Marien-Hospital hat 1880 immer noch keinen dirigierenden Arzt.”
Zudem seien die wenigen, “Wundärzte” genannten Chirurgen so teuer gewesen, dass sie für den Geldbeutel der Kleinbauern eine hohe Belastung darstellten, so der stellvertretende Museumsleiter weiter. Hinzu kam, dass die Landbevölkerung der ärztlichen Versorgung wenig vertraute. Man ergab sich dem Schicksal, verließ sich auf das eigene Wissen – und auf Apollonia und die Heiligen. Faber: “Sie kosten allenfalls eine Kerze, sind als Fürsprecher auch postmortal noch relevant, kurzum: Hier stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis.”
Akribisch recherchiert, erklärte Faber die Herkunft des Wortes “Piesacken” und unternahm einen mitunter schaurigen Ausflug in die Historie der Reanimation: Glühende Kohlen auf Brustkorb oder Bauch war nur eine von peinvollen Methoden, um zu testen, ob der Patient noch lebt. Mit einem Rückblick auf weitere viele schmerzvolle Jahrzehnte und die Entwicklung der Notfallmedizin bis hinein in die sechziger, siebziger Jahre beendete Faber seine Ausführungen.
Welchen Ausgang Ignaz Roggendorfs Geschichte nahm, enthielt er seinen Zuhörern ebenfalls nicht vor. Faber: “Er hat überlebt dank anderer Faktoren, die für die posttraumatische Versorgung ebenso wichtig sind. Dank Hilfsbereitschaft jedes einzelnen, dank Zusammenarbeit in der Gemeinschaft, dank menschlicher Zuwendung – und vielleicht auch dank Apollonia…”

Manfred Lang

10.10.2011