Aktuelles

“Tafel” macht sich selbständig

Pro Woche werden rund 800 Menschen aus dem Stadtgebiet von Mechernich mit Lebensmitteln versorgt
“Tafel” macht sich selbständig
Bereits morgens um 7.30 Uhr fangen die Helfer der Mechernicher Tafel damit an, ihre Räumlichkeiten in der alten Schule für die Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige vorzubereiten. Um elf Uhr kommen dann die “Gäste”. Foto: ProfiPress
Mechernich (pp). Die Zahl der Bedürftigen wächst galoppierend. “Hartz IV” hat die Situation auch am Mechernicher Bleiberg erheblich verschärft.
Startete die “Mechernicher Tafel” vor knapp zwei Jahren noch als Dependance der “Euskirchener Tafel” mit gerade mal 17 Gästen pro Ausgabetermin, so hat sich das Bild mittlerweile gewaltig gewandelt. Dienstags und freitags wuseln und wirken bereits Stunden vor Beginn der Lebensmittelausgabe (11 Uhr bis 13 Uhr) zwei Dutzend Helfer durch die Räumlichkeiten in und hinter der alten Schule, Im Sande.
35 Helfer, so Wolfgang Weilerswist und Pfarrer Michael Stöhr, packen im Schichtbetrieb wechselseitig an. Sage und schreibe zwei Tonnen Lebensmittel werden mittlerweile bei der “Mechernicher Tafel” pro Woche umgesetzt. Brot, frisches Obst und Gemüse, Milchprodukte. Wolfgang Weilerswist: “Eigentlich alles, außer Frischfleisch.”
150 bedürftige Familien aus Mechernich und Umgebung gehören mittlerweile zur Kundschaft. Tendenz: stark steigend. Eine ganze Reihe von ihnen sind verschämte Arme, zunehmend alte Leute, insgesamt etwa 30, die nicht im Sande vorstellig werden wollen, sondern ihre Lebensmittel nach Hause gebracht bekommen. Bei manchen älteren Ehepaaren kommt auch die Frau zur Tafel – die Männer fast nie.
Pfarrer Michael Stöhr: “Viele unserer Gäste fühlen sich wie die Lebensmittel hier: überflüssig und weggeworfen!” Sabine Henze, die sich ebenfalls in der Tafel engagiert, fügt hinzu: “Viele müssen sich dann auch noch als Schmarotzer titulieren lassen, wenn ihr Umfeld mitbekommt, dass sie zur Tafel gehen.” Für den “Speditionsbetrieb” zu den verschämten Armen, aber auch für den umfangreichen Antransport von Bäckereien, Läden und Supermärkten in Mechernich und Umgebung steht der Tafel ein altersschwacher Ford Transit zur Verfügung.
“Wer uns einen besseren Gebrauchten sponsern kann, tut ein gutes Werk”, so Wolfgang Weilerswist. Ansonsten sind und bleiben jede Menge Privat-Pkw für die Tafel im Speditionseinsatz. Spendenmittel und “Manpower”, also Mitstreiter und Mitarbeiter, kann die Mechernicher Tafel grundsätzlich gut gebrauchen. Denn der Ableger der Euskirchener Tafel will sich bei einer konstituierenden Mitgliederversammlung am Dienstag, 13. Dezember, um 18 Uhr in den Räumen in der alten Schule selbstständig machen.
Als vorläufigen Vorstand haben die Verantwortlichen beim Amtsgericht einstweilen Wolfgang Weilerswist und Anna Diefenbach (Vorsitzender und Stellvertreterin), Pfarrer Michael Stöhr (Geschäftsführer) und Nicole Richter (Schriftführerin) angegeben. Sabine Henze ist die Kassiererin im vorläufigen Führungsgremium der Mechernicher Tafel.
Ohne Sponsoring in Eigenleistung selbstgebaut hat Weilerswist einen Kühlcontainer im rückwärtigen Bereich der alten Schule, in dem auch verderbliche Ware längere Zeit frisch gehalten werden kann. “Es ist übrigens eine Mär, dass die Tafel nur Lebensmittel ausgibt, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist”, erläutert Pfarrer Stöhr. Und als Beweis hält Sabine Henze ein großes Paket mit Schokolade in die Kamera, das in einem Markt wegen des anlaufenden Weihnachtsgeschäftes aus dem Sortiment musste.
Die Tafel versteht sich nicht als Versorgungsanstalt. Wer nur bequem, aber nicht bedürftig ist, wird nicht gerne gesehen. Deshalb engagieren sich viele bedürftige Mitbürger ihrerseits als Helfer bei der Tafel. Andere geben einen, wenn auch oft nur kleinen Obolus für die empfangenen Lebensmittel. Michael Stöhr: “So wird jeder zum Helfer und Spender und ist nicht nur der Empfangende.” Der Geschäftsführer und Geistliche will, dass dieses Prinzip auch eingehalten wird.
So soll Missbrauch vorgebeugt werden. “Hier wird jeder anständig behandelt”, so Vorsitzender Weilerswist: “Da erwarten wir umgekehrt auch eine gewisse Disziplin im Umgang untereinander.” Gute Erfahrungen hat die Tafel mit der Auslosung der Reihenfolge bei der Nahrungsmittelausgabe gemacht. Sabine Henze: “Früher standen die Leute schon um acht Uhr an, wenn wir um elf Uhr aufmachten.”
Jetzt kämen alle ohne großen Stress und Rangeleien um kurz vor elf, weil sie ja doch nicht wissen, als wievielte sie drankommen. Zu den 150 Familien, die die Mechernicher Tafel versorgt, gehören schätzungsweise 800 Menschen. Mitte nächsten Jahres, so befürchtet Vorsitzender Wolfgang Weilerswist, werden 200 Familien zu den Gästen zählen – und damit wird dann auch die Kapazitätsgrenze der Tafel in den bestehenden Räumlichkeiten erreicht sein. Wie es dann weitergeht, muss der neue Verein, der sich am 13. Dezember konstituiert, beraten.

Manfred Lang

05.12.2005