Praktikumsplätze für Flüchtlinge

Stadt Mechernich will Flüchtlinge über Praktika in deutschen Arbeitsmarkt bringen – Städtischer Wirtschaftsförderer Peter Dierichsweiler ist Ansprechpartner für interessierte Firmen – Ehrenamtler Dirk Reinartz: „Die Menschen hier sind hochmotiviert“ – Asylsuchende können Fähigkeiten und Sprachkenntnisse in Betriebe einbringen

Mechernich – Mehr als 500 Flüchtlinge sind aktuell in Mechernich untergebracht. Sie haben ihr Land verlassen mit der Hoffnung auf einen Neuanfang in Deutschland. Täglich warten sie auf den Postboten, der vielleicht die ersehnte Anerkennung in seiner Posttasche hat. Die Stadt Mechernich hat jetzt eine Möglichkeit gefunden, wie auch die Asylsuchenden, die noch nicht anerkannt sind, Fuß fassen und gleichzeitig die regionalen Unternehmen unterstützen können: Praktikumsplätze für Flüchtlinge.

Ins Rollen gekommen war die Idee durch die Anfrage eines Unternehmers. Man hoffte unter den Flüchtlingen neue Mitarbeiter für den Betrieb zu finden. „Als wir uns mit dem Thema auseinandergesetzt haben, war es erstmal sehr ernüchternd. Flüchtlinge dürfen nämlich fast gar nichts, solange sie nicht anerkannt sind“, erzählt Peter Dierichsweiler, Wirtschaftsförderer der Stadt Mechernich.

Doch dann kam die zündende Idee: unbezahlte Praktika. Peter Dierichsweiler schrieb zahlreiche Firmen im Stadtgebiet an und fragte, ob sie Praktikumsplätze für Flüchtling anbieten könnten. Etwa 20 Betriebe zeigten sofort Interesse, weitere Firmen können sich bei Peter Dierichsweiler unter Tel. 0 24 43-49 42 20 oder per E-Mail an p.dierichsweiler@mechernich.de melden.

Zwei Flüchtlinge tragen sich in die Liste für Praktikumsplätze ein. Peter Dierichsweiler (städtischer Wirtschaftsförderer) und Dirk Reinartz (Ehrenamtler der Flüchtlingshilfe) begleiten das Projekt, um Asylsuchende an den deutschen Arbeitsmarkt heranzuführen. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress
Zwei Flüchtlinge tragen sich in die Liste für Praktikumsplätze ein. Peter Dierichsweiler (städtischer Wirtschaftsförderer) und Dirk Reinartz (Ehrenamtler der Flüchtlingshilfe) begleiten das Projekt, um Asylsuchende an den deutschen Arbeitsmarkt heranzuführen. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Dirk Reinartz, der als ehrenamtlicher Helfer regelmäßig die Flüchtlinge in der Roggendorfer Unterkunft betreut, konnte sich vor Anfragen für die Praktikumsplätze kaum retten. „Die Menschen hier sind hochmotiviert. Sie wollen etwas tun, Deutsch lernen und sich eine Existenz aufbauen – und das Potential dafür ist da.“

In Sprechstunden für die Flüchtlinge hat Dirk Reinartz gezielt einige von ihnen angesprochen. Mit Angaben zu Alter, Sprachkenntnissen und Fähigkeiten konnten die Asylsuchenden sich auf eine Liste eintragen. Darüber sollen die vorhandenen Praktikumsplätze nun passend verteilt werden.

Erst einmal wurden nur sieben Personen in die Liste aufgenommen. „Jetzt müssen wir sehen, ob es mit den Praktika für alle Beteiligten gut funktioniert, und ob wir den Menschen damit eine Perspektive geben können“, so Dirk Reinartz. Auch der aus Syrien stammende Al Melli hat sich in die Liste eingetragen. Der 26-Jährige hat an der Syrian Virtual University im Bereich Information Technology (IT) studiert. Er kennt sich in der Arbeit mir Computer-Software und –Datenbanken aus, spricht Englisch und Arabisch und auch schon ein paar Brocken Deutsch. „Ich möchte gerne Deutsch lernen und mein Studium beenden“, erzählt er.

Für die Firmen geht es natürlich nicht darum, unter den Flüchtlingen sofort voll einsatzfähige Facharbeiter zu finden. Aber sie können die Asylsuchenden an den deutschen Arbeitsmarkt heranführen und dabei von ihren Fähigkeiten profitieren. Gerade für international aufgestellte Firmen können außerdem die verschiedenen Sprachkenntnisse von Vorteil sein. „Hier bieten sich enorme Potentiale, um die Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren – und was gibt es Besseres, als am Arbeitsplatz Deutsch zu lernen“, so Ehrenamtler Reinartz.

Erste konkrete Vermittlungen stehen schon für zwei Plätze in einem regionalen Baumarkt an. Die ehrenamtlichen Helfer stehen Firmen und Flüchtlingen dabei beratend und helfend zur Seite. Sie kümmern sich zum Beispiel darum, welche Versicherungen die Flüchtlinge benötigen, wie die Fahrt zur Praktikumsstelle organisiert werden kann, und wie die Asylsuchenden weiterhin an den wichtigen Sprachkursen teilnehmen können. „Fast alle hier lernen schon Deutsch, denn die Sprache ist für die Flüchtlinge der Türöffner in eine neue Existenz“, erklärt Dirk Reinartz.

Die Stadt Mechernich kümmert sich mit der Aktion um die Flüchtlinge, die noch nicht in Deutschland anerkannt wurden. Sobald die Anerkennung erfolgt, unterstehen sie stattdessen dem Jobcenter und müssen sich arbeitssuchend melden. Von da an werden Praktika und Arbeitsstellen nicht mehr über die Stadt Mechernich, sondern über das Arbeitsamt vermittelt.

Um die Kompetenzen zu bündeln, soll Anfang 2016 ein sogenannter „Integration Point“ für den Kreis Euskirchen an den Start gehen. Dazu schließen sich die Agentur für Arbeit, das Jobcenter, die Ausländerbehörde, das Kommunale Bildungs- und Integrationszentrum und die lokalen Sozialämter zusammen, um die Flüchtlinge gemeinsam auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Standort soll das Berufsbildungszentrum Euskirchen (BZE) in Euskirchen-Euenheim werden.

pp/Agentur ProfiPress