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“Krank sein – und glücklich!”

“Krank sein – und glücklich!”
Der bemerkenswerte Weg des Mechernichers Hermann-Josef Satzke (57) – Von unheilbaren und immer wiederkehrenden gesundheitlichen Belastungen und der Gnade, sich helfen zu lassen und anderen helfen zu können – Der “Vater” der Psoriasis-Selbsthilfe steht heute auch Schwerbehinderten mit ganz anderen Krankheitsbildern hilfreich zur Seite
Mechernich – Als ihn die Krankheit im wahrsten Sinne “erwischte”, da war Hermann-Josef Satzke gerade mal 45 Jahre alt, dreifacher Familienvater, in guter, sicher geglaubter Position bei einem amerikanischen Konzern. Es fing mit rauen Händen an, bald tauchten trotz Cremes und Salben erste Risse in der Haut auf. Die Gliedmaßen begannen höllisch weh zu tun.
Satzke pilgerte von Pontius zu Pilatus, von Hautarzt zu Hautarzt, aber die angebotenen Diagnosen und Mittel wollten nicht helfen. Bis endlich die Universitätsklinik Bonn dem gelernten Metzger vom Bleiberg reinen Wein einschenkte: “Psoriasis”, besser bekannt unter dem deutschen Namen “Schuppenflechte”. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Die Diagnose der Uniklinikärzte haute den gestandenen Katholiken und Karnevalisten um: “Unheilbar!”
“Ich fiel in ein schwarzes Loch”
“Ich fiel in ein schwarzes Loch”, berichtet Hermann-Josef Satzke im Gespräch mit der für die Presse- und Öffentichkeitsarbeit der Stadt Mechernich zuständigen Agentur ProfiPress. Es fällt ihm nicht leicht, den körperlichen, psychischen und sozialen Abstieg zu schildern, der in den Folgemonaten und -jahren auf ihn wartete.
Er verlor seine Arbeit als Lagerist, den er 20 Jahre ausgeübt hatte, weil er trotz Baumwollhandschuhen die Schmerzen beim Tragen von Sachen nicht mehr ertragen konnte. Schließlich musste er sich bei schweren Gegenständen helfen lassen. Das Ende war absehbar: “Herr Satzke, wir haben keine Arbeit mehr für sie.”
Obwohl die Familie (Frau, drei Kinder) zu ihm hielt “wie eine Eins”, verzweifelte Hermann-Josef Satzke zusehends. Schließlich versuchte er, ganz tief unten, sich das Leben zu nehmen . . .
Heute, zwölf Jahre nach der vernichtenden Diagnose, ist das Krankheitsbild zwar nicht besser und Hermann-Josef Satzke hat sich zusätzlich noch eine, ebenfalls unheilbare, “Colitis ulcerosa”, eine chronische Darmentzündung zugezogen, wie sie nicht immer, aber häufig im Kielwasser der Schuppenflechte auftaucht. Aber der Mann lacht im Interview, dass ihm das Wasser in die Augen tritt. Er ist guter Dinge, in Mechernich mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund und im ganzen Rheinland “der” Vorkämpfer für Psoriasis-Patienten und Psoriasis-Selbsthilfegruppen.
WDR-Interviewpartner und Referent
Erst vergangenen Samstag hat er beim 1. Rheinischen Psoriasis-Tag an der Uniklinik Köln der WDR-Moderatorin Heike Knipsel im Interview Rede und Antwort gestanden. Er selbst ist häufig Referent bei Psoriasis- und Gesundheitstagen am Bleiberg, aber auch im ganzen Rheinland, so auch an der Uniklinik Bonn, mit der ihn seit der Diagnose ein enges und vertrauensvolles Verhältnis verbindet: “Auf die lass ich nix kommen!”
Der heute 57jährige Hermann-Josef Satzke hat nicht nur gelernt, mit der Krankheit und dem Frührentnerdasein fertig zu werden. Er engagiert sich für andere Psoriasis-Opfer und berät auch Schwerbehinderte aus anderen Krankheitsfeldern bei Amtsgängen und Anträgen. “Die Arbeit ist zwar nicht bezahlt, bringt einem aber verdammt viel Dankbarkeit ein”, scherzt Satzke im Gespräch mit “ProfiPress”.
“Ohne Familie nicht überlebt”
“Ohne Familie hätte ich nicht überlebt”, sagt der 57-jährige mit Blick auf seine Frau und die drei älteren, 28, 30 und 32 Jahre alten, Kinder: “Die haben mich aufgefangen”. Inzwischen – und das heißt nach der Erkrankung – ist noch ein heute achtjähriges Töchterchen dazu gekommen, das nächstes Jahr an St. Rochus in Strempt zur Ersten Heiligen Kommunion geht (“Da mache ich selbstverständlich als Katechet mit”). Außerdem blickt der Mann mit den weißen Baumwollhandschuhen stolz auf seine wachsende, zurzeit siebenköpfige Enkelschar.
“Arm dran die, die keine Familie haben, wenn sie so ein Schicksalsschlag erwischt.” Da ist sich Hermann-Josef Satzke ganz sicher. Nicht nur, aber auch deshalb ging er, gleich nachdem er sich nach Diagnose und schlimmer Anfangszeit gefangen hatte, dazu über, eine Selbsthilfegruppe Psoriasis zu gründen. Die Idee einer “Ersatzfamilie”, in der alle Betroffenen sich gegenseitig stützen und helfen, aber auch mit Tipps versorgen und beraten können, wo es gute Hautärzte und anständige Reha-Kliniken gibt.
Bürgermeister zweimal Schirmherr
“Außerdem ist nicht jeder Krankheitsverlauf identisch”, so Hermann-Josef Satzke, und man findet im großen Kreis eher verwandte Muster, Erfahrungen und Therapiemöglichkeiten. Denn Schuppenflechte ist zwar unheilbar, aber man kann ihre Folgen lindern. Dennoch muss man lernen, dass die Krankheit in Schüben verläuft, und auch dann, wenn es richtig gut geht, wissen, dass es in absehbarer Zeit wieder mit Beschwerden losgeht.
Die Psoriasis-Selbsthilfegruppe Mechernich, zu der rund 25 Betroffene aus den Kreisen Euskirchen, Düren und Rhein-Erft-Kreis gehören, trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Bundeswehr-Casino, Friedrich-Wilhelm-Straße 20, in Mechernich. 2011 wird der zehnte Jahrestag der Gründung ganz groß gefeiert – und zwar am 13. Juli mit Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick als Schirmherr.
Ring der Selbsthilfegruppen in der AWO
Ebenfalls Schirmherr ist der erste Bürger beim 4. Mechernicher Gesundheitstag am 7. April, den Satzkes Psoriasis-Selbsthilfegruppe gemeinsam mit den anderen Mechernicher Selbsthilfegruppen bestreitet. Apotheker Dr. Peter M. Schweikert, der auch Vorsitzender der örtlichen Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist, die den Selbsthilfegruppen in Mechernich seit Jahren als eine Art Dachorganisation dient, hatte die Idee zu diesem Gesundheitstag.
Und die Psoriasis-Selbsthilfe Hermann-Josef Satzkes (Tel. 0 24 43/ 86 66) macht seit drei Jahren ebenso mit wie die Angehörigen-Gruppe “Alzheimer Krankheit” (Schwester Brigitta Santema 0 24 43/ 17 17 30 oder Dr. Kirstin Wehner 0 24 43/ 904 904)), die Selbsthilfegruppe “Aphasie – erworbene Sprachstörung” (Susanne Hütte-Thomé 0 24 43/ 90 48 988), die Diabetikergruppe Mechernich (Anja Totter 0 24 43/ 314 55 00 oder Dr. Peter M. Schweikert 0 24 43/ 904 904), die Selbsthilfe “Fibromyalgie” (Heidi Löhr-Thelen 0 22 56 / 951 78), die Huntington-Hilfe (Sabine Henze 0 24 84/ 14 47), die Krebshilfe Mechernich (Ingrid Becker 0 24 43 45 72), die Parkinsongruppe (Lothar und Christa Miehl 0 24 43/ 50 92) und die neue Schwerhörigen- und Gehörlosengruppe (Marcus Weiß 0 178 / 21 06 762).
“Das Leben ist schön!”
Nach den elementarsten Erfahrungen seiner Krankheit befragt, antwortete Hermann-Josef Satzke im Interview: “Das Leben ist schön, Du musst nur morgens nach dem Aufstehen aus dem Fenster schauen, die Vögel singen hören und den Duft von Kaffee und frischen Brötchen einziehen. Dann ahnst Du, dass es links und rechts neben Dir Menschen gibt, die können nicht sehen, nicht hören oder nicht riechen und schmecken, und die das Leben trotzdem toll finden und genießen.”
Und was die Selbsthilfegruppen angeht, so ist er von deren Wert und Bedeutung im Leben der von Krankheit betroffenen Menschen restlos überzeugt. “Bei mir war es die Familie, die mich über den ersten schwersten Hügel geschubst und gezogen hat, hinter dem alles leichter wird, weil es bergab geht. Diesen Job müssen bei vielen Kranken die Leidensgenossen in der Selbsthilfegruppe machen!”
pp/Agentur ProfiPress

Manfred Lang

30.11.2010