„Kein schönes Land in dieser Zeit“

„Lesical“ zu Clara Viebigs Roman „Das Kreuz im Venn“ zog 130 Zuschauer in die Shedhalle des Rheinischen Industriemuseums/Tuchfabrik Müller in Kuchenheim – Sozialkritische wirklichkeitsnahe Schilderungen der Autorin missfielen Kaiser Wilhelm: „Rinnstein-Literatur“

Euskirchen-Kuchenheim – Die Shedhalle des Rheinischen Industriemuseums/Tuchfabrik Müller in Kuchenheim ist so riesig, dass sie im Wortsinn nicht „vollzukriegen“ ist. Wenn sich dort aber um die 130 Zuschauer zu einer literarischen Veranstaltung versammeln, dann kann man getrost von einem „vollen Haus“ sprechen.

Jedenfalls mussten Museumsleiter Detlef Stender und Heinz-Otto Koch, der Vorsitzende des veranstaltenden Museumsfördervereins, noch vor Lesungsbeginn weitere Stühle zum ohnehin 120 Sitzplätze zählenden Halbrund im Garn- und Kämmmaschinen fassenden Fabrikgebäude stellen.

Eine „Lesung“ im klassischen Sinne war es auch nicht, die so viel Publikum zur jüngsten Auflage der seit fast 20 Jahren stattfindenden Reihe „Literatur im Museum – Rezitation und Gespräch“ anlockte. Die auch literarisch versierte WDR- und Deutschlandfunk-Moderatorin Katia Franke hatte eine szenische Lesung mit Gesang und in Kostümen und Ausstattung des 19. Jahrhunderts zur berühmten Eifelautorin Clara Viebig arrangiert und choreographiert.

Die Hauptakteure des Clara-Viebig-Abends in der Shedhalle des rheinischen Industriemuseums/Tuchfabrik Müller in Kuchenheim (v.l.): die Sängerin Sieglinde Schneider, die Rundfunk-Moderatorin Katia Franke und die Kriminalschriftstellerin Elke Pistor sowie der Journalist und Mundartexperte Manni Lang und Museums-Fördervereinsvorsitzender Heinz-Otto Koch. Foto: Detlef Stender/pp/Agentur ProfiPress

„Die Stimme von WDR 4“

Und Museums-Fördervereinschef Heinz-Otto Koch persönlich hatte sich um ein entsprechendes Bühnenambiente mit Sitzmöbeln, Tischen, Blumendekoration und Accessoires von der Likörgarnitur bis zum röhrenden Hirsch als Wandteppich gekümmert. Als versierte Mitstreiter auf der Bühne hatte die in Kall lebende „Stimme von WDR 4“, so Heinz-Otto Koch bei der Vorstellung Katia Frankes, versierte Rezitatoren und die Sängerin Sieglinde Schneider gewonnen.

Die professionell singende Kallerin bereicherte von Franke, der Kriminalschriftstellerin Elke Pistor und dem Journalisten und Mundartexperten Manni Lang gelesene Passagen aus Clara Viebigs Roman „Das Kreuz im Venn“ mit Liedern aus dem 19. Jahrhundert. Das Repertoire reichte vom Eifellied über die Anrufung des Heiligen Willibrordus bei der Echternacher Springprozession bis zum Schlussakt „Kein schöner Land in dieser Zeit“, das vom Auditorium mitgesungen wurde.

Dass die süßlichen und textlich völlig unverdächtigen „Volkslieder“ im Kontrast zu den oft knallharten Alltagsschilderungen Clara Viebigs standen, war kein Anachronismus, sondern Plan der von Katia Franke ausgearbeiteten Inszenierung. Immerhin soll Kaiser Wilhelm II. persönlich Clara Viebigs wirklichkeitsnahen durchaus sozialkritischen Romane als „Rinnstein-Literatur“ bezeichnet haben, die kaum zur „Erbauung“ des Volkes geeignet war. Nicht nur der Kaiser wollte nicht wahrhaben, dass das bitterarme „Preußisch-Sibirien“  ganz bestimmt „Kein schönes Land in dieser Zeit“ war.

Die Shedhalle des Rheinischen Industriemuseums/Tuchfabrik Müller in Kuchenheim war mit 130 Zuschauern gut besetzt, als in der seit fast 20 Jahren stattfindenden Reihe „Literatur im Museum – Rezitation und Gespräch“ eine szenische Lesung mit Gesang und in Kostümen und Ausstattung des 19. Jahrhunderts zur berühmten Eifelautorin Clara Viebig arrangiert wurde. Foto: Detlef Stender/pp/Agentur ProfiPress

„Was Sie schreiben, ist schlecht . . .“

Dass das Volk das völlig anders sah, konnte man an den Verkaufszahlen von Clara Viebigs Romanen ablesen, die sie anfangs unter Abkürzung ihres Vornamens als „C. Viebig“ veröffentlichte. Katia Franke: „Literatur von Autorinnen war damals trivialverdächtig und verpönt.“

Ihr erster Verleger und späterer Ehemann Friedrich Cohn soll Clara Viebig beim ersten Verlagsgespräch gesagt haben: „Kindchen, was Sie geschrieben haben, ist schlecht, aber Sie haben Talent“. Das „Kindchen“ war zu der Zeit schon Mitte 30. Die Tischrede bei ihrer Vermählung hielt übrigens später Theodor Fontane, mit dem beide, Viebig und Cohn, befreundet waren.

Katia Franke hatte die Literaturveranstaltung „Das Kreuz im Venn“ mit dem Untertitel „Von der Sehnsucht, sein Glück zu machen…“ überschrieben. Sie bezeichnet Clara Viebig als die „Schriftstellerin der kleinen Leute“, die musikalische Lesung mit Romanauszügen fand anlässlich der Ersterscheinung des Romans vor 110 Jahren statt. Optisch begleitet wurde das „Lesical“ von einer Bildershow des Venns und Clara Viebigs.

pp/Agentur ProfiPress