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Genetischer Fingerabdruck

Mit Genanalyse alten Baumarten auf der Spur
VON MICHAEL THALKEN, 21.09.05, 07:15h
Jeder Obstbaum besitzt einen unverwechselbaren genetischen Fingerabdruck.
Mechernich-Glehn – Nichts hat die Rechtsmedizin in den letzten 100 Jahren so revolutioniert wie der genetische Fingerabdruck. Kleinste Speichelreste am Tatort oder einige Hautzellen unter den Fingernägeln des Opfers reichen bereits aus, um das Erbmaterial des Täters genau zu analysieren und ihn zu überführen. Aber was für einen Sinn macht es, friedfertige Apfelbäumchen auf ihre DNA hin zu untersuchen?
Anfänglich ging es dabei ebenfalls um moderne Verbrechensbekämpfung. “Ich las mal irgendwo, dass man einen Mörder überführen konnte, weil man in seinem Kofferraum ein Blatt fand. Dieses Blatt stammte nach genetischer Analyse eindeutig von jenem Baum, unter dem das Opfer gelegen hatte”, berichtete Peter Voissel, Vorsitzender des Vereins “Renette – Eifeler Obstwiesen”. Bei Voissel machte es daraufhin gleich “klick”. Nicht etwa, dass er Stoff für einen Eifel-Krimi witterte – er dachte vielmehr über die zahlreichen Obstbäume in der Eifel nach und über die Schwierigkeit, sie immer korrekt auseinander zu halten.
“Mit Hilfe dieser Methode ist es möglich, einzelne Individuen eindeutig voneinander zu unterscheiden”, so Voissel. Man benötige lediglich kleine Blattstückchen, ein Kubikzentimeter Pflanzmaterial reiche völlig aus. Zunächst werde die Erbsubstanz isoliert, danach bestimmte Orte der DNA entschlüsselt, so dass für jedes Individuum, das auf diese Weise untersucht werde, ein unverwechselbares genetisches Muster entstehe.
Solche Analysen werden demnächst natürlich nicht auf Voissels Hof in Glehn durchgeführt. Der Experte für alte Obstbaumsorten wird seine Astschere keinesfalls gegen Handschuhe und Mundschutz tauschen.
Starke Partnerin
Vielmehr hat Voissel für dieses Projekt eine starke Partnerin mit ins Boot holen können. Die genetischen Fingerabdrücke alter Eifeler Apfelsorten sollen nämlich an der Philipps-Universität in Marburg von Professorin Birgit Ziegenhagen erstellt werden. Sie war von 1988 bis 1990 Geschäftsführerin des Kreisverbands Natur- und Umweltschutz (KNU) Euskirchen und betreute wissenschaftlich und organisatorisch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Naturschutz. 2002 folgte sie einem Ruf an die Marburger Universität.
“Von der Zusammenarbeit mit der Universität Marburg verspricht sich der Verein, von den in der Eifel heimischen alten Sorten eine Art Kartei anlegen zu können, die solche unverwechselbaren Muster als Dokumentations- und Vergleichsgrundlage enthalten soll”, so Voissel. Damit soll es etwa möglich werden, Bäume auch dann einer bestimmten Sorte zuzuordnen, wenn sie keine Früchte tragen. Denn gerade die Früchte seien es, die die Sortenmerkmale enthielten, die man mit bloßem Auge sehen könne.
Voissel hält es darüber hinaus nicht nur für möglich, dass dank der Genanalyse Doppelbenennungen entdeckt und weitere Apfelbaum-Varianten bekannt werden, die man bisher unter einem gemeinsamen Sortennamen subsumierte.
“All diese Möglichkeiten und die zu erwartenden neuen Erkenntnisse über die alten Eifeler Obstbaumsorten könnten deutlich zum Erhalt des Streuobstes beitragen”, ist sich Voissel sicher. Und dies ist schließlich auch das Ziel seines Vereins. Haben es sich die Mitglieder von “Renette” doch seit Jahren auf die Fahne geschrieben, Streuobstwiesen als altes Natur- und Kulturgut des Eifeler Raumes am Leben zu erhalten.

Manfred Lang

21.09.2005