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Für Corona-Impfung auf die Straße

„Omas gegen rechts“ versammelten knapp hundert Menschen bei polizeilich angemeldeter Demo vor dem Mechernicher Rathaus – Gleichzeitig begaben sich mehrere Hundert „Spaziergänger“ kreisweit durch die Straßen, ohne ausdrücklich zu artikulieren, was sie eigentlich wirklich wollen

Mechernich – Es waren keineswegs nur Frauen im theoretisch Großmutter-fähigen Alter, die sich am Montagabend vor dem Mechernicher Rathaus zu einer polizeilich angemeldeten Pro-Corona- Impfungs-Demo eingefunden hatten. Eingeladen hatte die Organisation „Omas gegen rechts“ um die Mechernicherin Sabine Henze. Sieben Polizeibeamte waren diskret zugegen, um die Demo zu beobachten und zu beschützen.

Denn gleichzeitig waren wieder eine Menge „Spaziergänger“ in der City am Bleiberg unterwegs, vermutlich um ihrer kritischen Meinung gegenüber Covid-19-Impfungen Ausdruck zu verleihen. Sie zogen ebenfalls friedlich und teils mit Kerzen und Laternen „beleuchtet“ kommentarlos durch die Straßen und gaben weniger einer Meinung, als vielmehr einem neuen gesellschaftlichen Phänomen Ausdruck.

Sabine Henze aus Mechernich (vorne r.), eine der Organisatorinnen der Bewegung „Omas gegen rechts“: „Wir bringen zum Ausdruck, „was die Mehrheit der Bevölkerung denkt“. Martina Frenzel aus Bad Münstereifel (vorne l.) hatte eine Parodie auf die Bläck-Fööss getextet: „Impf Dich doch ens met, stell Dich net esu ahn, Du spaziers die janze Zick erömm; häste kenne Bock, datt öss janz ejal, impf Dich jetz – unn kümmer Dich och dröm…“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Man weiß ja nie ganz genau, wo man dran ist“, sagte ein Randbeobachter dem Mechernicher „Bürgerbrief“. Lösen sich nicht am Ende doch gewaltbereite Zeitgenossen aus der Schar der insgesamt friedlichen Demonstranten hüben wie drüben? Oder sind die „Spaziergänger“ bereits von Rechtsradikalen und Gewaltbereiten unterwandert?

„Du spaziers hee die janze Zick eröm…“

Während die Organisatorinnen der ordnungsgemäß angemeldeten Demonstration vor dem Rathaus von einem „Aufmarsch“ der Impfgegner sprachen, nannten sie die eigene „Demo“ einen Ausdruck dessen, „was die Mehrheit der Bevölkerung denkt“. Nämlich, dass Impfen das Gebot der Stunde ist, um Unbill von Jung und Alt fernzuhalten.

Martina Frenzel aus Bad Münstereifel hatte eine Parodie auf den Bläck-Fööss-Song „Drenk doch eine met“ getextet, den die knapp hundertköpfige Demonstranten-Schar anstimmte: „Impf Dich doch mal mit, stell Dich net esu ahn, Du spaziers die janze Zick erömm; häste kenne Bock, datt öss janz ejal, impf Dich jetz – unn kümmer Dich och dröm…“

„Wir haben nach der Flut Solidarität gelernt“, hieß es auf einem Flugblatt der „Omas gegen rechts“: Auch in Sachen Pandemie und ihrer Folgen sei jetzt Solidarität gefragt. „Nur durch Impfen können wir uns selbst, aber auch ältere und vorerkrankte Menschen schützen“, so Sabine Henze: „Wir lassen nicht länger zu, dass eine lautstarke Minderheit Symbole einer angeblichen »Freiheit« für eigene Zwecke missbraucht.“

Bereits eine Woche zuvor waren erste so genannte „Montagsspaziergänger“ durch Euskirchen, Mechernich, Zülpich und Weilerswist gezogen, um gegen die Covid-19-Impfstrategie Stellung zu beziehen.

„Mann mit Hund voran, alle hinterher“

„Kein Kommando, keine Aufforderung, kein Hinweis, dass jetzt gestartet wird: Als ein Mann mit Hund zielstrebig losgeht, setzen sich knapp 300 Menschen, die sich auf dem Annaturmplatz eingefunden haben, schweigend in Bewegung und folgen dem Mann mit dem Hund“, beschreiben die in Mechernich erscheinenden Kölner Tageszeitungen die Szenerie in der Kreisstadt Euskirchen.

Gegen was wird demonstriert?, fragt sich das Autorenteam selbst im Artikel: „Dem Spaziergang ist das so nicht zu entnehmen. Es gibt keine Plakate und Spruchbänder. Es werden keine Parolen oder Botschaften skandiert. Auf ihrem Weg wandert die große Gruppe schweigend über die Bürgersteige und hält sich brav an alle Verkehrsregeln. An roten Fußgängerampeln wird gewartet, auch wenn es dadurch zu Lücken kommt. Masken trägt niemand.“

„Aber wir sind keine Rechten“, sagt eine Frau mit Laterne den Reportern von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnischer Rundschau“: „Schauen Sie sich die Teilnehmer an. Da finden Sie keine rechten Parolen. Die wollen wir hier auch nicht haben.“ Ob sie keine Gefahr sieht, dass rechte Gruppierungen aufsatteln? Ja, durchaus. „Aber dann werde ich denen sagen, dass wir sie hier nicht dabeihaben wollen.“

Sabine Henze aus Mechernich (vorne r.), eine der Organisatorinnen der Bewegung „Omas gegen rechts“: „Wir bringen zum Ausdruck, „was die Mehrheit der Bevölkerung denkt“. Martina Frenzel aus Bad Münstereifel (vorne l.) hatte eine Parodie auf die Bläck-Fööss getextet: „Impf Dich doch ens met, stell Dich net esu ahn, Du spaziers die janze Zick erömm; häste kenne Bock, datt öss janz ejal, impf Dich jetz – unn kümmer Dich och dröm…“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Leute aus den Zügen der „Montagsspaziergänger“, die sich gegenüber den Reportern äußern („Von welchem Pissblättchen seid Ihr denn?“) wollen ausweislich der Berichterstattung von „Rundschau“ und „Stadt-Anzeiger“ anonym bleiben und nicht genannt werden. Sabine Henze (Mechernich), Martina Frenzel (Bad Münstereifel), Brigitte Wies oder Friede Röcher (Kall) hatten vor dem Mechernicher Rathaus weniger Berührungsängste mit der vom Reporter des „Bürgerbriefs“ vertretenen Öffentlichkeit: „Wir vertreten die schweigende Mehrheit!“

Das seien die Menschen, die der Überzeugung seien, dass die Impfung möglichst vieler der beste Weg aus der Pandemie zurück in die Normalität sei. Die „Ver-quer-denker-Szene“ trage hingegen Mitschuld an der hartnäckigen Weigerung von einem Viertel der Bevölkerung, sich gegen Covid 19 impfen zu lassen.

„Aus Solidarität mit dem Pflegepersonal“

Anne Bergmann, eine Gegendemonstrantin der „Montagsspaziergänger“ in Euskirchen, sagte in den Kölner Tageszeitungen am 4. Januar: „Wir demonstrieren aus Solidarität mit den Pflegern und finden es nicht gut, dass Menschen laut propagieren können, sich nicht impfen zu lassen und keine Maske zu tragen.“

Thilo Waasem aus Bad Münstereifel erklärte: „Wir wollen deutlich machen, dass man von Diktatur redet und hier demonstrieren kann, ohne im Gefängnis zu landen.“ Den Autor Heinz Höver plagt laut „Kölnischer Rundschau“ die Sorge, dass sich die Spaziergänge in eine gefährliche Richtung entwickeln könnten: „Ich sorge mich vor Zuständen wie 1933. Erst marschieren sie mit Fackeln, dann kommt die Gewalt.“

Landrat Markus Ramers erklärte den Medien, eine Demokratie müsse „Montagsspaziergänge“ ebenso wie angemeldete Demonstrationen oder Gegendemonstrationen „aushalten können“. Auch wenn „an vielen Stellen das Verständnis dafür fehlt, dass es Menschen gibt, die Impfungen und Corona-Maßnahmen faktenfrei verteufeln“, so müsse man doch unter dem Strich „das hohe Gut der Meinungs- und Versammlungsfreiheit“ verteidigen.

Sorgen macht sich der Landrat darüber, dass sich immer wieder Mitglieder der rechtsradikalen Szene oder Reichsbürger unter die Teilnehmer mischen. „Jeder, der Sorgen und Fragen hat, kann sich jederzeit melden. Noch nie ist ein Impfstoff so gut erforscht, so gut dokumentiert worden“, so der Landrat zum Redakteur Tom Steinicke.

280 Teilnehmer zählte die Polizei beim Montagsspaziergang in Euskirchen. Etwa 300, so Polizeisprecher Franz Küpper, seien es zeitgleich in Mechernich gewesen. Spaziergänge gab es außerdem in Zülpich (30 Teilnehmer) und in Weilerswist (15).

Keiner der vier „Spaziergänge“ sei angemeldet gewesen, so die Polizei. Da alle diese „Spaziergänge“ nach Einschätzung der Beamten unter das Versammlungsgesetz fallen, seien vier „Anzeigen gegen Unbekannt“ wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz geschrieben worden.

pp/Agentur ProfiPress