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“Fremd ist der Fremde nur in der Fremde”

“Fremd ist der Fremde nur in der Fremde”
Über 100 Gäste kamen zur Eröffnung der Ausstellung “verbunden?! Leben im (Rh)einwanderungsland” – Lale Akgün las Geschichten vor – Museumsleiter Mangold betonte, dass Integration keine Einbahnstraße ist und Einwanderer die rheinische Alltagskultur in den letzten 50 Jahren stark bereichert hätten
Kommern – Nur die Überreste eines alten Baums in der Mitte des Saals zeugten davon, dass sich hier vor kurzem noch eine Szene abgespielt hatte, die der Ausstellungseröffnung “verbunden?! Leben im (Rh)einwanderungsland” eine weitere unsichtbare Dimension hinzufügte: Denn vor dem Baum traf man noch vor wenigen Monaten Pennsylvania-Gründer William Penn bei einer Vertragsunterzeichnung mit Indianern an, die den Weg frei machte für die Gründung der amerikanischen Stadt Germantown. Penn und die Indianer waren natürlich nur Figuren der mittlerweile geschlossenen Ausstellung “Schöne Neue Welt – Rheinländer erobern Amerika”, zeigten aber, dass 1683 viele Rheinländer selbst zu den Einwanderern zählten, die in der Neuen Welt ihr Glück versuchten, weil man sie in der Alten Welt wegen ihres Glaubens verfolgte.
Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das Rheinland aber plötzlich selbst zum Einwanderungsland. Seither haben Millionen von Menschen aus aller Welt hier ihre neue Heimat gefunden. Von ihrer persönlichen Lebensgestaltung, von ihrer ganz individuellen Lebenserfahrungen, aber auch von den Veränderungen der rheinländischen Kultur durch die Einwanderer handelt die neue Ausstellung im Handwerkerhaus Henkel des LVR-Freilichtmuseums Kommern. An die 100 Gäste waren am Sonntagvormittag zur Eröffnung erschienen. Landtagsmitglied Winfried Schittges, stellvertretender Vorsitzender der Landschaftsversammlung Rheinland, wies darauf hin, dass das Freilichtmuseum seit drei Jahren Themenjahre veranstalte und stets einer besonderen Fragestellung nachgehe. In diesem Jahr drehe sich alles um “Kulturelle Begegnungen”.
Seit dem 20. Juli 2009 existiert eine Kooperation mit dem LWL-Freilichtmuseum Detmold. Ihre Zusammenarbeit haben die beiden Kulturdezernentinnen Dr. Barbara Rüschoff-Thale (LWL) und Milena Karabaic (LVR) bereits feierlich besiegelt. Wissenschaftliche Mitarbeiter beider Museen haben darüber hinaus an einer gemeinsamen Tagung teilgenommen und sich des Themas Migration angenommen. Besonders stolz zeigte sich Museumsleiter Dr. Josef Mangold über die jetzt eröffnete “Verbundausstellung” beider Museen, die nicht zuletzt auch eine Verbindung zwischen Westfalen und Rheinländern schaffe, eine Verbindung, die ja nicht immer als ganz einfach behauptet werde.
“Im Jahre 2005 lebten in Deutschland 15,3 Millionen Menschen, die aus einem anderen Land kamen”, so Schittges. Diese hätten 19 Prozent der Bevölkerung gestellt und damit unterstrichen, dass Deutschland eine Multi-Kulti-Gesellschaft sei. In der Ausstellung seien zehn von ihnen zu ihrem Leben befragt worden. Sie stammten aus Polen, Tschechien, Brasilien, Rumänien, Portugal, der Türkei, Thailand und Russland.
“Nur die Hälfte aller in Deutschland lebenden Menschen ausländischer Herkunft gelten überhaupt als Ausländer”, führte Mangold in seiner Begrüßungsansprache weiter aus. Der Museumschef verwies auch darauf, dass es Migration schon immer gegeben habe, zum Beispiel während der Zeit der Völkerwanderung oder als die Römer ins Rheinland einwanderten. “Köln rühmt sich ja bis heute, die nördlichste Stadt Italiens zu sein”, so Mangold. Dennoch habe Heimat für jeden eine andere Bedeutung. Jeder Einwanderer bringe auch ein Stück seiner Herkunft mit, seine Gewohnheiten aber auch seine Produkte würden nicht selten vom Einwandererland angenommen. Integration sei nämlich grundsätzlich keine Einbahnstraße. “So hat sich beispielsweise seit den 50er Jahren unsere Zubereitung der Speisen grundlegend geändert”, so Mangold. Auch gehe man heute ganz selbstverständlich “zum Griechen, Italiener oder Thailänder”.
Fremder Blick auf rheinische Wirklichkeit
Die Ausstellung, die quasi eine “Mikrountersuchung” präsentiere, wolle daher den Blick schärfen für die kleinen Veränderungen in der Alltagskultur. Denn interessant seien nicht nur die Erzählungen der Menschen von ihrem einstigen Leben zu Hause, sondern weit mehr noch ihr Blick auf die rheinische Wirklichkeit, der wiederum den eigenen Horizont erweitern könne. So könne man beispielsweise eine türkische Familie kennenlernen, die seit 1969 in Köln lebe. Das Familienoberhaupt sei Handwerker und Mercedes-Fan. Ein Thailänder wiederum zeige sich begeistert von der Ruhe und Ordnung in Deutschland und habe anfänglich alle Verkehrsampeln gezählt. Ein Brasilianer hingegen finde den Karneval in Köln gar nicht so außergewöhnlich, da er aus Rio ganz anderes gewohnt sei.
“Für die Ausstellung haben wir einen Callshop nachgebaut und uns dabei an zwei solcher Einrichtungen in Euskirchen und Bonn orientiert”, berichtete Mangold. In jedem Abteil dieses Shops werden Filme mit Interviews von den Einwanderern abgespielt. Und in einem kleinen Bistro kann man an besonderen Veranstaltungen auch die typischen Speisen der Einwanderer genießen.
Wie man sich als Fremder zuweilen in Deutschland fühlt, davon konnte die islampolitische Sprecherin der SPD, Lale Akgün, berichten. Sie las dem Publikum aus ihrem Buch “Tante Semra im Leberkäseland” vor, in dem sie unter anderem von ihrem ersten Schultag in einer deutschen Schule im Jahre 1962 erzählte. Verwirrungen habe es vor allem gegeben, als ein “Herr Kaplan” für den Religionsunterricht angekündigt worden sei. Denn “Kaplan” bedeute auf Türkisch “Tiger”. Herein jedoch sei ein dicker, kurzatmiger Geistlicher gekommen, der zu allem Überfluss auch noch die Kinder geschlagen habe, wenn sie nicht richtig parierten. Akgün gelang ein amüsanter Blick auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit der 60er Jahre wie ihn eben nur jemand zustande bringen kann, für den diese Wirklichkeit fremd und nicht vertraut ist. Womit sie deutlich werden ließ, dass es gerade des Fremden bedarf, um das Vertraute überhaupt zu erkennen und kritisch werden zu lassen.
Auch der Gitarrist und Sänger Manuel Torres, der die Eröffnungsveranstaltung musikalisch begleitete, erwies sich als Mensch mit ausländischer Herkunft. Er kam nach einem Autounfall für vier Monate in eine deutsche Klinik. Heute lebt er hier bereits seit 26 Jahren bei Euskirchen und bringt Musik in diesen Landstrich, die zwar chilenisch anmutet, sich dennoch aber mit seiner bundesrepublikanischen Wirklichkeit auseinandersetzt.
Die nächste Veranstaltung im Rahmen des Themenjahrs wird eine Werkstattausstellung sein. Sieben Klassen aller Schulformen aus Köln und dem Kreis Euskirchen haben sich des Themas “fremd/vertraut” angenommen und haben diesen Gegensatz in Kunst, Literatur und Biologie nachgespürt. Was dabei herausgekommen ist, wird ab 20. Juni gezeigt.
Wie komplex das Beziehungsgeflecht zwischen dem Fremden und dem Vertrauten ist, dies machte Mangold mit einem Zitat von Karl Valentin deutlich: “Fremd ist der Fremde nur in der Fremde. Weil jeder Fremde, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist und zwar so lange, bis er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.”
Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Mai 2011 zu sehen.

Manfred Lang

01.06.2010