Aktuelles

“Es geht auch anders”

“Es geht auch anders”
15 Jahre lang wurde kamen Kinder aus dem Krisengebiet Nordirland nach Euskirchen –
Aktion “Euro-children” Teil des Friedensprozesses – Fest zum Dank und Austausch
Euskirchen – Dienstag, 31. Juli, wenige Minuten nach 20 Uhr. Der Euskirchener Bruno Gobelny (71) sieht die Nachrichten und ist von einem Bericht besonders gerührt: Nach 38 Jahren bürgerkriegsähnlichen Zuständen ist in Nordirland Frieden eingetreten. Sofort greift der ehemalige Geschäftsführer des Caritasverbandes Euskirchen zum Telefon, um seinen Freund und Weggefährten Rolf Zimmermann, Geschäftsführer des Roten Kreuzes im Kreis Euskirchen, anzurufen.
Die beiden Euskirchener haben nämlich auf ihre Weise ein Stück weit zu dem Friedensprozess beigetragen. Von 1979 an haben Caritas und Rotes Kreuz 15 Jahre lang die Aktion “Euro-children” unterstützt. Bei dieser Aktion wurden Kinder aus Nordirland für einige Wochen nach Euskirchen in Gastfamilien eingeladen. “Das war eine klasse Zeit, die mich sehr geprägt hat”, konstatiert Zimmermann.
Die nordirischen Kinder kamen in eine völlig neue Umgebung. “Gerade wenn die katholischen Kinder in einer protestantischen Familie aufgenommen wurden, verstanden sie die Welt erst einmal nicht mehr”, berichtet der Rotkreuzler. Denn Katholiken und Protestanten bekämpften sich erbittert in Nordirland, obwohl es eigentlich kein religiöser Konflikt war, sondern einer zwischen den katholischen ursprünglichen Bewohnern und den protestantischen neuen. “Wenn sich katholische und protestantische Kinder auf dem Schulweg begegnet sind, bewarfen sie sich mit Steinen”, sagt Zimmermann.
Nach der Schule ging es für die Nordirischen Kinder sofort wieder nach Hause “Ihre Freizeit haben sie in der Wohnung verbracht, auf der Straße war es viel zu gefährlich”, berichtet der Rotkreuz-Geschäftsführer. In den Gastfamilien lernten die Kinder etwas völlig neues kennen. Die meisten stammten aus ärmlichen Verhältnissen.
“Einzig für Bildung gaben die Familien jeden verfügbaren Pfennig aus, damit es die Kinder einmal besser haben könnten”, so Grobelny. Materielle Zuwendung gab man den Kindern nur sehr dosiert, um ihnen kein schlechtes Gefühl zu geben. Zimmermann: “Damals habe ich gelernt: Wenn Du nichts mehr hast, hast Du immer noch Deinen Stolz. Wenn Du den jemanden nimmst, hat er gar nichts mehr”.
Wie auch Bruno Grobelny ist Rolf Zimmermann mehrfach in die nordirische Hauptstadt Belfast gefahren. “Polizeikontrollen, Attentate, Tote und Verhaftungen waren an der Tagesordnung”, berichtet Grobelny. Wie nah sie dabei der Irisch-Republikanische Armee (IRA) waren, der paramilitärische Gruppe, die die Befreiung Nordirlands von der britischen Besatzung verfolgte, erfuhren sie nur indirekt.
“Plötzlich bekam ich Besuch vom Bundesnachrichtendienst”, sagt Grobelny. Nach Durchsicht der Akten war dann aber schnell klar, dass die Caritas nur Gutes im Schilde führte. “»Machen Sie weiter so«, das haben die Beamten sogar zu mir gesagt”, berichtet der ehemalige Caritas-Geschäftsführer.
Zimmermann: “Eines der Kinder, die öfter bei mir in der Familie waren und das auch in meinem Geschäft gearbeitet hat, ließ mir aus dem Gefängnis eine Nachricht zukommen, in winziger Schrift auf zwei zusammengeklebten Zigarettenpapieren geschrieben”. Der nunmehr junge Erwachsene war zu 15 Jahren Gefängnis wegen “Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung” verurteilt worden und bat Rolf Zimmermann um Verzeihung und Verständnis.
Viele der Euro-children aber haben den ihnen neu eröffneten Horizont für Verständigung und Weltoffenheit genutzt. “Einer hat beispielsweise Europarecht studiert und arbeitet jetzt in Amsterdam”, berichtet Zimmermann. Ein gewisser Anschauungswandel wurde natürlich nach Kräften gefördert. Grobelny: “Wir haben mit den Ferienkindern Polizei und Militär besucht, das war für die kaum zu glauben, denn die war für sie ganz klar der Feind”.
Die Kinder, die damals nach Euskirchen kamen, sind heute die Erwachsenen, die die Geschicke in Nordirland mitgestalten. Die Erfahrungen, die sie in den Gastfamilien sammeln konnten, sind unschätzbar wertvoll. “Viele Kontakte haben sich bis heute erhalten”, sagt Grobelny.
Die Aktion Euro-children zog weite Kreise. Journalisten aus dem Kreis Euskirchen wie Herrmann Eckstein, Karl Küpper oder Manfred Lang unterstützten die Aktion und fuhren selbst nach Belfast. Das ZDF berichtete in der Sendung “Gott und die Welt” über die Euskirchener Aktivitäten. “Danach stand das Telefon bei uns nicht mehr still”, sagt Grobelny, “von Flensburg bis München wollten Gasteltern Kinder aus Nordirland zu sich nehmen”.
Caritas und Rotes Kreuz wollen nun an die Aktion erinnern und sich vor allem noch einmal bei der Hilfe der Gasteltern bedanken, “denn die hatten den größten Teil der Arbeit”, so Grobelny. Dazu soll es am Freitag, 26. Oktober, ab 15.30 Uhr ein kleines Fest im Caritas Cafe “Workshop” in der Kapellenstraße in Euskirchen geben. Einen Lichtbildervortrag, Kaffee und Kuchen und vor allem einen regen Austausch soll es dann geben.
Weil im Laufe der Jahre viele Adressen verloren gegangen sind, bittet die Caritas die Gasteltern, sich unter Telefon 0 22 51 – 70 000 bei der Caritas zu melden. Denn sie alle seien ein kleines Rädchen im großen Friedensprozess gewesen, so Grobelny, ” mit den Euro-children haben wir gezeigt: Es geht auch anders!”
pp/Agentur ProfiPress

Manfred Lang

31.10.2007