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Ein Stein gegen das Vergessen

Ein Stein gegen das Vergessen
Bewegende Zeremonie auf dem jüdischen Friedhof von Mechernich – In Memoriam Erich Nathan, der 1915 in Strempt geboren wurde und 2003 in New Jersey starb
Mechernich-Strempt – Sigmund Nathan und Johanna, geborene Zimmermann, waren angesehene Leute in Strempt. Dass sie der jüdischen Kultusgemeinde angehörten, spielte vor 1933 keine nennenswerte Rolle in der Eifel. Es gab damals viele Bürger jüdischen Glaubens rings um den florierenden Bleiberg. Sigmund Nathan war im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen – und hatte wie Zehntausende seiner Glaubensbrüder als überzeugter Deutscher sein Leben für das Vaterland eingesetzt.
Nathans hatten fünf Kinder. Der älteste hieß Adolf, der nächst ältere Erich: Lauter deutsche Namen wie auch die Vornamen von Vater Sigmund und Mutter Johanna. Man war eben deutsch, Sigmund fühlte sich als “ein Deutscher jüdischen Glaubens”, wie es der Mechernicher Pfarrer Erik Pühringer jetzt während einer bewegenden Zeremonie auf dem jüdischen Friedhof im Steinrausch formulierte.
Priester rezitiert Psalmgebete
Ihm, dem “Sohn eines österreichischen Wehrmachtsoffiziers”, wie Erik Pühringer selbst betonte, kam beim “Tag des Friedhofs” in Mechernich die Aufgabe zu, als katholischer Geistlicher auf dem jüdischen Friedhof von Mechernich einen Gedenkstein für den 1915 in Strempt geborenen und 2003 in New Jersey (USA) gestorbenen Erich Nathan aufzustellen. Man hatte keinen Rabbiner gewinnen können, weil ein hoher jüdischer Festtag anstand. Da hatten David Nathan und Nili Arbel, Sohn und Nichte des Verstorbenen, die Idee gehabt, auch ein katholischer Priester könne der Zeremonie vorstehen.
Zumal die Angehörigen der Familie Nathan in USA und Israel seit Jahrzehnten eng mit der Strempter Familie Jannes – und in Sonderheit mit Berti Jannes, dem langjährigen Rendanten von Erik Pühringers Mechernicher Zentralpfarrei St. Johannes Baptist, befreundet sind. Erik Pühringer übernahm die Aufgabe gerne und löste sie gut mit einem Psalmengebet und einem emphatischen Rückblick auf Erich Nathans bewegtes Leben. Mehrfach zitierte er dessen Botschaft an die alte Eifelheimat und Deutschland: “Ich kann verzeihen, aber nicht vergessen”.
Eltern starben in Auschwitz
Wie schlimm das Hereinbrechen des Naziterrors für Erichs Vater Sigmund Nathan gewesen sein muss, der nicht wahrhaben wollte, was mit Machtergreifung der Nationalsozialisten nach 1933 in Deutschland wahr wurde, könne man nur erahnen, so Pfarrer Pühringer. Alle fünf Nathan-Kinder entkamen den Nazischergen – die Eltern nicht. Sigmund Nathan, der Metzger aus Strempt, Patriot und gläubiger Jude wurde ebenso wie seine Frau Johanna, geborene Zimmermann, in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.
Erich hatte ebenso vor den Nazis fliehen müssen wie seine vier Geschwister. Die einen nach Palästina, die anderen nach England und die USA. Erich wurde nördlich von New York wieder heimisch.
Der gebürtige Strempter Berti Jannes, ein Freund der Nathan-Nachfahren, war schon über ein dutzend Mal in den USA und Israel. Erich Nathan, dessen Sohn David und seine Nichte Nili Arbel, eine Tochter des nach Israel entkommenen Adolf Nathan, waren umgekehrt auch schon mehrmals in Mechernich und Strempt zu Besuch. Erich zuletzt 1994. Neun Jahre später starb “Eric”, wie er sich inzwischen anglisiert nannte, im gesegneten Alter von 89 Jahren in New Jersey.
“Es war wie eine Fügung”
Der Grabstein, den man für ihn hatte anfertigen lassen, passte aber nicht auf die Familiengrabstätte in den Vereinigten Staaten. “Es war wie eine Fügung”, berichtete jetzt Erich Nathans Sohn David am Sonntag bei seinem Besuch in Mechernich: “Mir kam nach langem Grübeln der Gedanke, dass dieser Stein zur Erinnerung an das Leben meines Vaters irgendwo ganz anders hingehört: Nämlich in die alte Heimat, wo sein Leben begann.”
David Nathan nahm Verbindung mit Berti Jannes auf und der mit der Stadtverwaltung Mechernich und mit den Steinmetz-Werkstätten Markus und Michael Simons: Alle zusammen sorgten dafür, dass der Gedenkstein für Eric Nathan am Sonntag auf dem jüdischen Mechernicher Friedhof im Steinrausch eingeweiht werden konnte.
Und zwar am “Tag des Friedhofs”, der am Sonntag begangen wurde. Da man anlässlich eines hohen jüdischen Feiertages keinen Rabbiner hatte bekommen können, baten David Nathan und seine aus Israel nach Mechernich angereiste Cousine Nili Arbel kurzerhand Pfarrer Erik Pühringer, die Zeremonie zu leiten.
Besonders ergreifend war es, als David ein stilles Gebet vor dem Stein seines Vaters sprach und einen kleinen Kiesel aus USA auf den neuen Gedenkstein im Steinrausch legte. David Nathan sagte, damit habe sich für den verstorbenen Vater der Kreis seines Lebens endgültig geschlossen.
Berti Jannes erzählte am Rande zwei der fünf Fluchtgeschichten der Nathan-Kinder aus Strempt in die USA, nach Palästina sowie nach England und Schottland: Adolf, der mit einem in Strempt ortsbekannten Nazi eng befreundet war, musste als erster das Weite suchen, weil er auf Hitler und sein Naziregime geschimpft hatte.
Über Brüssel nach Palästina
Berti Jannes: “Es gab eine Auseinandersetzung, in deren Verlauf Adolf seinem Nazi-Freund einen Kinnhaken verpasste.” Adolf Nathan floh querfeldein zu Fuß über den Bleiberg und gelangte über Köln nach Brüssel, wo er sich einer Organisation anvertraute, die ihn über England schließlich nach Palästina brachte. Adolf Nathan wurde nach dem Krieg im neu gegründeten Staat Israel heimisch.
Sein jüngerer Bruder Erich kehrte seinem Heimatdorf Strempt ein Jahr später, 1934, den Rücken. Er verdingte sich, wie er es Berti Jannes seinerzeit erzählte, zunächst als Butler in Krefeld, wo er seine spätere Frau kennen lernte, mit der er nach Brüssel floh. Jannes: “Und zwar auf abenteuerliche Weise: Die mussten bei Aachen, so war es vereinbart worden, auf einen fahrenden Lkw aufspringen und an einem ganz bestimmten Haus an der Grenze wieder in Fahrt von der Lastwagenpritsche abspringen. Dort liefen sie quer durch das Haus – und waren in Belgien.”
Von Brüssel führte auch Erich Nathans Weg zunächst nach England, dann 1939 nach Schottland und schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er Fuß fasste. Berti Jannes: “Das Schiff, das er ursprünglich für die Passage von England an die Ostküste der USA benutzen sollte, wurde übrigens torpediert und versenkt. Erich hatte die Schiffskarte wieder zurückgegeben, weil er zusammen mit seiner Frau fahren wollte – und für die war keine Passage mehr frei gewesen.”
Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Manfred Lang

08.10.2007