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Eifelroman mit Mechernicher Hilfe

Eifelroman mit Mechernicher Hilfe
Fritz Koenn, “Als die große Hungersnot kam – Erzählung aus den Eifeler Schicksalsjahren 1816/1817”, KBV-Edition Eyfalia Taschenbuch, 117 Seiten, 9,50 Euro ISBN 978-3-940077-75-2
Mechernich/Rescheid – Vier Mechernicher waren an bedeutsamer Stelle vertreten, als jetzt Fritz Koenn, der größte Mundartdichter Eifeler Zunge, im Grubenhaus des Besucherbergwerks “Grube Wohlfahrt” in Rescheid seinen Roman “Als die große Hungersnot kam” vorstellte.
Da wäre zuvorderst der Mechernicher Maler und Zeichner Josef Neuburg zu nennen, der Koenns Hungerroman bereits in den 60er Jahren für die Eifeler Volkszeitung illustriert hatte, in der “Hunger” damals als Fortsetzungsroman erschien. Neuburgs Enkelin Claudia, die in Kommern lebt, stimmte der Buchveröffentlichung mit den Zeichnungen des verstorbenen Großvaters gerne zu.
An dritter und maßgeblicher Protagonist für die Neuerscheinung ist der bekannte Kriminalschriftsteller, Karikaturist und Verleger Ralf Kramp zu nennen, der zumindest für einige Jahre Mechernicher Stadtbürger war und mit seiner Familie in Glehn lebte. Kramp war es, der Koenns Hunger-Roman in die Edition “Eyfalia” seines Hillesheimer KBV-Verlages aufnahm und die Neuherausgabe gemeinsam mit Fritz Koenn und Manfred Lang vorantrieb.
Damit wäre der vierte und letzte Mechernicher benannt, der eine Rolle bei dieser Buchherausgabe spielte. Der Lückerather Journalist und Autor, Koenn-Kenner, -freund und -rezitator seit Jahrzehnten, schrieb unter anderem das Vorwort, das Fritz Koenns während der Hungersnot 1816/17 handelnden Roman in Beziehung zu eigenen Not- und Nachkriegserfahrungen des Autors nach dem Zweiten Weltkrieg setzt.
Bedeutendster Mundart-
Schriftsteller der Nordeifel
Fritz Koenn ist der bedeutendste Mundartschriftsteller der Nordeifel. Der 1927 in Hellenthal geborene Autor hatte bereits früh in den 50er und 60er Jahren durch zahlreiche Mundarterzählungen und Gedichte in Schleidener Heimatkalendern und Fortsetzungsromane in der Eifeler Volkszeitung auf sich aufmerksam gemacht. 1959 erschien sein unerreichtes Standardwerk Nordeifeler Mundart-Lyrik und Prosa, die “Eefeler Stöckelcher”.
Seine recht steile Karriere bei der Deutschen Bundespost und später im Bonner Entwicklungshilfeministerium hielten Fritz Koenn zeitweise von neuen Veröffentlichungen ab. Dennoch hat der Inhaber des Rheinlandtalers – selbst auf der “schäel Segg” des Rheins in Königswinter, wo er seit Jahrzehnten mit Ehefrau Maria und Kindern und Enkeln lebt – sein Eifeler Platt nie verlernt.
Er hat es, im Gegenteil, weiter kultiviert, in tatsächlichen Briefwechseln, unter anderem mit seiner Schwester, aber auch in einem imaginären Briefwechsel, den der Autor seit Jahrzehnten als “Tant Dreesje” und “Ferkes Wellem” mit sich selbst im Eifelteil der Kölnischen Rundschau führt.
“Von Abelong boss
Zau Dich Jong”
Seit Mitte der 90er Jahre erschien dann in mehreren Auflagen beim Aachener Helios-Verlag Koenns Eifeler Mundart-Wörterbuch “Von Abelong boss Zau Dich Jong”, ebenfalls ein literarisches Standardwerk ripuarischer Mundart und gleichzeitig Eifeler Lebensart.
Bei der Buchvorstellung des neu verlegten Romans “Als die große Hungersnot kam” waren die Sitzplätze im Grubenhaus schnell besetzt, mancher lauschte den Kostproben stehend, die Fritz Koenn aus seinem Roman gab, neugierig machend, ohne jedoch allzu viel zu verraten. Bevor der Meister selbst vortrug, begrüßten Karl Reger vom Bergmannsverein Rescheid und Verleger Ralf Kramp die zahlreichen Gäste.
Manfred Lang schreibt in Koenns neuverlegtem Roman “Vorab”: “Fritz Koenn, Jahrgang 1927, gehört zu einer Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib erfahren hat, was Hunger ist. Der Schriftsteller aus der Eifel mit Wohn- und Arbeitssitz am Rhein in Königswinter beschrieb im vorliegenden Roman als junger Autor der Nachkriegszeit, was Hunger ist: Hunger nach Brot – und Hunger nach Sinnerfahrung in der menschlichen Existenz.
Für die Eifeler Volkszeitung, in der dieser wie noch zwei andere Koenn-Romane in den frühen sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erstmals erschienen, entwarf Fritz Koenn vor der Kulisse der ersten von mehreren Eifeler Hungerkatastrophen des 19. Jahrhunderts ein eindrucksvolles Landschafts- und Sittengemälde der Eifel.
1816, nach einem viel zu nassen Frühling konnte erst ab April, einen Monat später als sonst, gesät werden. Der Sommer verregnete, das Heu vermoderte, Kartoffeln und Runkelrüben faulten in zu Schlamm gewordenen Äckern. Erst Ende Oktober konnte man die wenige Körner tragenden Haferhalme rupfen – und auf Schlitten in die Scheunen bringen. Es lag bereits Schnee . . .
Wurzeln, Wolf und
Wildkräuter gegessen
“Der große Teil der Bevölkerung der tiefen Eifel schleicht umher mit eingewundenen Augen und hohlen Wangen, gelber, an den Knochen klebender Haut, unfähig zu Arbeit und Erwerb”, schreibt der Koblenzer Publizist Joseph Görres Anfang 1817. Brot und Getreide waren unbezahlbar. Verzweifelte Dorfbewohner sammelten Wurzeln und Blätter, Wildkräuter und Schnecken. Zu allem Überfluss mussten auch noch die heimischen Hüttenwerke schließen. Die Verzweiflung war groß. Der Hellenthaler Hammerknecht Hermann Thoß dichtet: “Die Hungersnot war unermessen, man hat von einem Wolf gegessen . . .”
Das ist der geschichtliche Hintergrund für die vorliegende romanhafte Erzählung des bekannten Eifeler Autos Fritz Koenn, der sich vor allem als Lyriker und Autor in Nordeifeler Mundart einen großen Namen erworben hat. Im vorliegenden “Hunger”-Roman geht es Fritz Koenn um das Schicksal der kleinen Leute, um ihr tägliches Leben und die Ängste, Sorgen und Hoffnungen in Notzeiten.
Koenn entwirft ein anschauliches Bild jener Tage, und seine Romanfiguren sind dem Leser rasch vertraut. Er kann den Bauern Hubert Berners gewissermaßen beim Kartoffelsetzen beobachten, trifft die entlassenen Eisenarbeiter Krewinkels Karl und Baltesch Leo und den arbeitslosen Köhler Johann Schülter bei ihrem alltäglichen “Bubbel” (plauderhaftes Gespräch) an der Brücke und begleitet den Nachtwächter Stefan Bungenberg, der auf seinen einsamen nächtlichen Patrouillen die lange Franzosenzeit Revue passieren lässt.
Die Bürgermeister Axmacher, Sauerbier und Klinkhammer beratschlagen mit den Pastoren Verbesserungen bei der offiziellen Brotverteilung an die Ärmsten, und die Tabakrunde der Hüttenbesitzer Pönsgen, Schöller und Virmond beschließt die Einrichtung werkseigener Hilfefonds.
Fritz Koenn erzählt seine Geschichte in einfacher und verständlicher Sprache. Dabei war es für den bekannten Mundartschriftsteller selbstverständlich, die kleinen Leute miteinander auf “Eefeler Platt” reden zu lassen. Gegenüber den “hohen Herrn” versuchen sich die Eifeler in der deutschen Hochsprache, was ihnen nur mit “Knubbeln”, aus der Mundart eingestreuten Idiomen, gelingt.
Gottvertrauen und Solidarität
sind hilfreich in der Krise
Fritz Koenn verarbeitet in seinem Roman eigene Erfahrungen mit Eifeler Lebensart und Mentalität in harten Zeiten, wie er sie selbst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Und da spielte im eigenen familiären und dörflichen Umfeld offensichtlich eine große Rolle, was Fritz Koenn auch seine fiktiven Romanfiguren gut 130 Jahre zuvor beim Überwinden von Katastrophen erfahren lässt: Gottvertrauen und Solidarität.
Die Geistlichen in Fritz Koenns Roman sind gut und hilfreich. Sie, die angesichts der bitteren Not manchmal schon fast an der Schwelle zum Zweifel an der göttlichen Allmacht stehen, sind immer wieder überrascht, wie fest im Glauben die Eifeler sind, und wie ihnen diese aus Volksfrömmigkeit geborene Gotteszuversicht tatsächlich durch die Krise hilft.”
In einem Interview mit dem Journalisten Michael Schnitzler für die Kölnische Rundschau sagte Fritz Koenn auf die Frage, warum er sich literarisch einer fast 200 Jahre zurückliegenden Hungersnot gewidmet habe: “Eines der wenigen Bücher, die wir in meiner Jugendzeit hatten, war die »Geschichte des Kreises Schleiden«, verfasst vom Hellenthaler Eugen Virmond. Ein Abriss in dem Buch beschäftigte sich mit der Hungersnot. Da stand: »Die Hungersnot war unermessen, man hat von einem Wolf gegessen. Aus Nesseln und aus Rabenfuß macht man sich ein gutes Mus.« Es war die Rede davon, dass die Leute Schnecken essen mussten – die Vorstellung hat mir als Junge richtig zugesetzt. Mir ist die Geschichte nie aus dem Kopf gegangen. Irgendwann kam dann die Idee, sie in einer Erzählung mit Leben zu füllen.”
Michael Schnitzler fragte dann “Woher kamen die Ideen für die Figuren in Ihrem Buch, etwa Bauer Hubert Berners oder Köhler Johann Schülter? Sind diese an Personen aus Ihrer Kindheit angelehnt?” Fritz Koennn antwortet: “In meiner Kindheit in Hellenthal gab es natürlich auch viele Originale, aber es hat mir nicht weitergeholfen, an diese Personen zu denken. Ich musste mir wirklich vorstellen, wie der Köhler damals in seiner Köhlerhütte gehaust oder wie der Bauer ausgesehen hat. Ich habe versucht, einen Querschnitt der Bevölkerung darzustellen – vom Köhler über den Mittelstand bis hin zu den Großkopferten.”
Romandialoge in
“gemäßigtem Platt”
Zu den Dialogen der Romanfiguren in Eifeler Platt sagte Koenn zu Michael Schnitzler: “Es wäre ein Unding gewesen, die einfachen Leute von damals Hochdeutsch sprechen zu lassen. Ich musste sie Platt reden lassen, weil sie mit Sicherheit Platt gesprochen haben! Aber es ist im Buch, unter uns (lacht), ein gemäßigtes Platt, damit es möglichst viele Leser verstehen.”
Schnitzler fragt schließlich nach Koenns eigenen Befindlichkeiten zum Thema: “Sie selbst haben den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in der Eifel erlebt. Sind es auch Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Hunger, die Sie in dem Buch schildern?”
Fritz Koenn antwortet: “Während der letzten Kriegsjahre und in den Nachkriegsjahren haben wir schon erlebt, wie die Dinge des täglichen Lebens auf einmal knapp wurden. Aber, dass wir Hunger gelitten hätten, kann ich nicht sagen. Wir auf dem Lande, die wir alle ein Gärtchen hatten, konnten eben morgens, mittags und abends immerhin Kartoffeln essen.”
Schnitzler: “Werner Rosen nennt Sie den »besten Botschafter der Eifeler Mundart in der Fremde«. Mal ehrlich, wie viel Hochdeutsch sprechen Sie?” Koenn: “Im Alltag, also zuhause im Eifel-Ausland, spreche ich meist Hochdeutsch. Platt spreche ich nur, wenn auch mein Gesprächspartner Platt sprechen kann – dann bekomme ich auch ‘ne platte Antwort. Ich bin auch nicht traurig, dass die meisten jungen Leute kein Platt mehr sprechen. Man kann das Rad nicht zurückdrehen. Aber ich kämpfe für den Erhalt unserer Mundart, weil ich denke, dass wir diese bewahren sollten. Das Eefeler Platt ist die Sprache unserer Altvorderen und es ist eine vollwertige Sprache, in der sich alles, wirklich jede Emotion, ausdrücken lässt. Platt ist nicht nur eine Fasteloovends-Sprache.”
Schnitzler: “Sie schreiben schon seit Anfang der 1950er Jahren Gedichte und Geschichten, aus der Kölnischen Rundschau sind Ihre Briefwechsel zwischen Ferkes Wellem und Tant Dresje nicht mehr wegzudenken. Gehen Ihnen nicht langsam die Ideen aus?”
500 Gedichte, Geschichten,
Theaterstücke und Messen
Fritz Koenn: “Ich habe seit 1949 neben etwa 500 Gedichten und vielen Geschichten auch drei Theaterstücke und fünf katholische Mundart-Messen geschrieben. Was die Ideen angeht, kann ich Sie beruhigen: Es sind ja keine verrückten Dinge, sondern Alltagsgeschehnisse, über die ich schreibe. Solange die Leute jahrein, jahraus am Gartenzaun über ihre Erlebnisse plaudern, habe ich etwas zu schreiben.”
Schnitzler: “Können wir uns auf ein weiteres Buch von Ihnen freuen?”
Koenn: “Ich habe noch zwei fertige Manuskripte, Ralf Kramp hat schon durchblicken lassen, dass man diese noch veröffentlichen könnte. Ein neues Buch werde ich wohl nicht mehr schreiben – mit 83 reicht es irgendwann.”
pp/Agentur ProfiPress

Manfred Lang

28.12.2009