Aktuelles

Das Innere nach außen gekehrt

Freier Lauf der Emotionen
Markus Lüpertz, Jesus Canelloni, Frank Köllges, Frank Wollny und Gerd Dudek vom “TTT”-Projekt lieferten in der Firmenicher Zikkurat ein technisch brillantes und grooviges Improvisations-Jazzkonzert
Mechernich-Firmenich – Es war gut besucht, es klang groovig und es wirkte technisch brillant, das Improvisations-Jazzkonzert der fünf “TTT”-Projektmitglieder in der Plazzahalle der Firmenicher Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat.
“TTT” ist die verbale Abstraktion einer improvisierten Musik mit grooviger Rhythmik und frei improvisierter Melodieführung eines oder vieler solistischer Instrumente. An dem Projekt wirken professionelle Jazzmusiker in Nord- und Süddeutschland, im Osten und Westen der Republik mit.
Auch Virtuosen aus anderen Ecken Europas und den USA stoßen hin und wieder dazu. Frank Wollny, der in Vlatten lebende und in der Zikkurat wirkende Bassist und Künstler, gibt die Gesamtzahl der TTT-Instrumentalisten mit etwa 16 an.
Für den Gig in der Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat war neben Jazzgrößen wie Gerd Dudek (Saxophon), Jesus Canelloni (Saxophon), Frank Wollny (Bass) und Frank Köllges (Schlagzeug) auch der weltberühmte Maler Markus Lüpertz als Akteur am Jazzpiano angekündigt worden. Vor allem dieser Umstand hatte wahrscheinlich so viele Menschen angezogen. Zeitweise bevölkerten über hundert Zuhörer die Plazzahalle in der zweiten Etage der Firmenicher Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat.
Als sie gemerkt hatten, was dort gespielt wurde, nämlich emotionsgeladener Improvisationsjazz, gingen einige wieder. Doch die meisten blieben – und genossen dieses gewaltige Tonfeuerwerk, das keineswegs so “abgedreht” wirkte, wie viele Freejazz-Gigs. Man merkte: Hier waren Meister am Werk. Musikalische Könner und bildende Künstler, was Dr. Michael Thalken in seiner Konzertrezension im “Kölner Stadt-Anzeiger” Vergleiche zur Maltechnik von Markus Lüpertz ziehen lässt.
Thalken schreibt: “Expressionistisch, wie mit breitem Pinsel hingeworfen, energiereich und vital ließen die Musiker ihren zuweilen recht disparaten Emotionen freien Lauf. Kompromisslos abstrakt und von einer fast rücksichtlosen Radikalität schienen die Musiker ihr Inneres nach außen zu kehren, ohne sich um irgendwelche Konventionen zu scheren.
Dennoch: Mit bloßem dekonstruktiven Freejazz hatte die Musik nichts zu tun. Formale Strukturen und eine gewisse rhythmische Verlässlichkeit blieben durchaus gewahrt. Als unermüdlicher Taktgeber und Motor der Improvisation erwies sich dabei Markus Lüpertz. Besonders seine Beinarbeit war sehenswert. Hieß es früher in der Klavierschule immer, man müsse sanft und behutsam mit dem Pedal “atmen”, so ähnelte Lüpertz Pedalarbeit eher einem pausenlosen Hecheln. Das Pedal wurde getreten, als müsse der Flügel aufgepumpt werden.
Doch Lüpertz agierte nicht nur als Pulsschlag der Formation. Hin und wieder streute er auch leise ein lyrisches Thema ein, das sogleich begierig von den beiden Saxophonisten aufgenommen und ausgeschmückt wurde. Darauf schien Lüpertz aber gewartet zu haben.
Während die Saxophonisten melodisch dahin schmolzen, begann er perfide lächelnd, das angeschobene Thema mit immer heftigeren und schärferen rhythmischen Figuren wie auf einem Hackbrett zu zerstückeln. Da war schon nach dem ersten Stück der Samtblazer durchgeschwitzt. Doch kürzer trat der 65-Jährige deshalb noch lange nicht.
Die meisten der Zuhörer in der Firmenicher Zikkurat schienen jedenfalls von der Spielfreude der ungewöhnlichen Formation begeistert zu sein und spendeten dem Quintett großen Applaus. Mancher war vielleicht auch ein bisschen irritiert, was der großartigen Performance aber eigentlich keinen Abbruch tat.”
“Die Musik des TTT-Projektes hat absoluten emotionalen Charakter und widerspiegelt das Leben der integrierten Musiker”, verriet der in Vlatten lebende und an der Zikkurat wirkende Frank Wollny bereits vor Beginn des Firmenicher Konzertes: “Wie das T als abstrakte Deutung von horizontal und vertikal in der Malerei, werden in unserer Musik Rhythmik und Solo behandelt. Durch diese bewusste Funktionstrennung versuchen wir das musikalische Ego der Musiker oder Künstler herauszuhalten.”
Das TTT-Projekt wurde 1983 unter anderem von A.R. Penck, und Frank Wollny begründet. Ende der 80er Jahre stieß der Saxophonist Frank Wrigth dazu. Beeinflusst von Albert Ayler wurde von Wright die Bassklarinette ins Spiel gebracht. Auf der CD “TTT in Ulm” ist eines dieser sehr expressiven Stücke zu hören. Frank Wrigth sorgte in den vielen Konzerten für eine echte Gegenüberstellung von amerikanischer Auffassung und europäischer Auffassung im Improvisationsjazz. Das hatte zur Folge, dass sich das Ensemble nach und nach vergrößerte und internationaler wurde.
Frank Wollny: “Hier ist zuerst der Drummer Louis T. Moholo zu nennen, dessen südafrikanische Polyrhythmik die gesamte Motorik veränderte. Frank Wright und Louis spielten Himmel und Hölle!” Auftritte mit englischen Musikerkollegen hatten dagegen eher romantischen Charakter. Die Kombinationen mit Butch Morris hingegen wurden eine großartige Bereicherung. Ebenso wie die Auftritte mit Denis K. Charles, die in der New Yorker Zeit mit Billy Bang und Frank Lowe zu sehr interessanten Dokumentationen führten und mit den Vinyls “Be cool in Munich” dokumentiert wurden.
Frank Wollny: “Im New Yorker Studio kam es zu einer vokalen Erweiterung mit Jeanne Lee ( Don`t freeze yourself to Death overthere in those Mountain), die uns von Zeit zu Zeit bis zum traurigen Ende begleitet hat.” Man spielte bei großen Festivals, unter anderem in London und immer wieder in Düsseldorf. Zum Ensemble stießen Größen wie der Saxophonist C. Sharpe (Endless Jazz), Coen Alberts aus Rotterdam, Denis King Charles aus New York. Penck am Piano, Conrad Bauer Posaune, Jeanne Lee und Phil Minton Vocal, Peter Kowald Kontrabass, Frank Wright Tenor, Zerry Atkins Alto.
Heute zählen zu den etwa 16 Musikern des TTT-Projektes die fünf Akteure des jetzigen Zikkurat-Konzertes. Außerdem Edward Kidd Jordan, Manfred Schoof, Peter Sandkaulen und Wolfgang Lackerschmid, der bereits vor einigen Wochen am Vibraphon und mit seiner Band ein Konzert in der Plazzahalle der Zikkurat gegeben hatte.
Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Manfred Lang

09.07.2007