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Das Bild der Bäuerin

Einmalige Dokumentation: In der Stadt Mechernich werden zurzeit und bis Ende April 2014 Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Agrarjournalisten Wolfgang Schiffer (1927 – 1999) gezeigt

Bäuerinnen bei Pflanzarbeiten im Gemüseanbau. Repro: Veranstalter/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich – „Die Frau ist die Seele des Hauses“, heißt es im „Buch des Bauern“, einem in den 50er Jahren weitverbreiteten Standardwerk für den ländlichen Haushalt:  „Die Frau schafft jene Atmosphäre, in der im Rahmen der Familie und derjenigen, die dazugehören, alle gern zusammen arbeiten und miteinander leben.“

Das Werk atmet den Geist der Adenauer-Ära, in der die Rolle der Frau in bürgerlichen Haushalten auf den Haushalt, auf „Kinder, Küche, Kirche“ beschränkt war. Auf Bauernhöfen hingegen arbeiteten Frauen schon früh in allen Wirtschaftsbereichen mit, im Stall, auf dem Feld und auch in der Buchführung.

Wolfgang Schiffer (1927 – 1999), ein Agrarjournalist und begnadeter Fotograf, hat die Bauern und ihre Frauen während der gesamten Nachkriegszeit berufsbedingt mit der Kamera begleitet – und dabei ungewollt den gewaltigsten technischen und soziologischen Umbruch in der Agrargesellschaft und im Landleben seit Menschengedenken miterlebt – und im Bilde festgehalten. Schiffers Fotos gelten als das Beste, was es auf dem Gebiet zu sehen gibt.

Schon vor fünf Jahren haben Dr. Josef Mangold, der Chef des Rheinischen Freilichtmuseum in Kommern (Stadt Mechernich), und Gisbert Strotdrees gemeinsam einen Bildband mit Schiffers atmosphärischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen herausgegeben. Jetzt holte Mangold die gleichnamige Fotoausstellung „Bäuerinnen“ mit Fotos vom Alltag der Landfrau in die Stadt Mechernich. Sie ist im Henkel-Handwerkerhaus in der Nähe der „Wir Rheinländer“-Ausstellung noch bis zum 30. April 2014 zu sehen.

Bäuerinnen beim Mist-Fahren sind genauso zu bewundern wie eine Landfrau vor dem ersten Computer oder auf einem Porsche-Traktor. Schiffers Fotografien mit großem Seltenheitswert zeigen Frauen bei der Getreideente, bei der Futterbereitung für das Vieh und bei der Kartoffelernte mit bloßen Händen.

In den späten 1950er Jahren beschleunigte sich der Strukturwandel, der tiefgreifende Folgen gerade auch für die Frauen auf dem Land hatte: Das „Höfesterben“ setzte ein. Im Zuge des „Wirtschaftswunders“ lockten Industrie, Handel und Gewerbe mit besseren und vor allem mit sicheren Verdiensten. Bauern standen vor der schwierigen Entscheidung, entweder den Hof unter immensem Aufwand zu modernisieren oder eine Einnahmequelle außerhalb der Landwirtschaft zu suchen.

Viele wurden Nebenerwerbsbauern und bewirtschafteten ihren Hof nach Feierabend. „Vor Feierabend“ waren es aber zuallermeist die Bäuerinnen, die die notwendigen, nicht aufschiebbaren Arbeiten auf den Höfen erledigten.

Der 1999 verstorbene Journalist und Lichtbildner Wolfgang Schiffer hat nicht weniger als 10 000 Negativstreifen mit 360 000 Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten Landleben hinterlassen. „Die Entwicklung der Landwirtschaft von 1950 bis 1999 in einem Bestand ablesen zu können, ist einzigartig“, schwärmt Museumsdirektor Dr. Josef Mangold, der 2008 Mitherausgeber von Wolfgang Schiffers gleichnamigem Bildband „Bäuerinnen“ war.

Zur Ausstellungseröffnung kamen rund 100 Besucher und staunten über die hohe dokumentarische Qualität von Schiffers Fotografien. Sie zeigen den Umbruch der Landwirtschaft und des ländlichen Lebens seit den 50er Jahren und das von seiner häufig übersehenen weiblichen Seite. Erkennbar wird dabei nebenher, wie lange die Bäuerinnen, respektive die Ehefrau des Bauern in amtlichen Agrarstatistiken gar nicht als eigenständiges Zählkriterium, sondern als „mithelfende Familienangehörige“ auftauchen.

Eine interessante Foto-Serie widmet sich überdies den drei großen Frauenbefreiern, die sich Ende der 1950er Jahre nach und nach durchsetzen und den Bäuerinnen die zeitraubenden und kraftzehrenden Arbeiten abnahmen: die Melkmaschine im Stall, die Waschmaschine und die Gefriertruhe respektive der Kühlschrank im Haus. Das zeitaufwendige Waschen der Kleidung war indes vielerorts schon durch Gemeinschaftswaschanlagen ersetzt worden.

Die Kommerner Kulturjournalistin Claudia Hoffmann schreibt im „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Mit wachen Augen und flinker Kamera dokumentierte Schiffer in den 60er Jahren zudem eine ländliche Modenschau, deren Bogen sich von der praktikablen Kittelschürze bis zum modischen Chic sommerlicher Ausgehkleidung spannte. Dabei wurde gegen so manche stillschweigende Gewohnheit und tradierte Rollenbilder verstoßen, war doch bei der Feldarbeit oder im Stall allenfalls ausrangierte Kleidung aufzutragen.“

Ergänzt wird die wohl einzigartige Ausstellung im Mechernicher Freilichtmuseum des Landschaftsverbandes Rheinland durch einige wertvolle Devotionalien: Schiffers Terminkalender, Kameraobjektive, Belichtungsuhr und – auf einem roten Kissen – seine geliebte Leica R 5.

pp/Agentur ProfiPress