Asiatische Gelehrte aus der Eifel

Zwei außergewöhnliche Lebenswege mit vielen Parallelen

Das Ehepaar Manfred und Ingrid Baldus mit Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick bei der Buchvorstellung. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die KirchenZeitung Aachen berichtete im Regionalteil Eifel ihrer Ausgabe vom 17. November über zwei bedeutende Professoren der Sophia-Universität in Tokio: Aus der Eifel stammten Pater Heinrich Dumoulin SJ (1905-1995) und Pater Joseph Roggendorf SJ (1908-1982). Ihre Lebensläufe weisen erstaunliche Parallelen auf.

Von Dorothee Dumoulin

Heinrich Dumoulin war das Jüngste von drei Kindern des Notars Carl Dumoulin aus Wevelinghoven und Johanna, geborene  Nonnenmühlen. Carl Dumoulin wiederum war ein Sohn des Zülpicher Steuereinnehmers Ludwig Wilhelm Dumoulin. Dessen Eltern waren Friedrich Joseph Dumoulin und Maria Anna Katharina Hall, deren Familie aus Schleiden kam. Joseph Roggendorf war der Älteste von acht Kindern des Mechernicher Ingenieurs und Heimatforschers Hubert Roggendorf und Anna, geborene Krischer.

Heinrich Dumoulin und Joseph Roggendorf hatten beide schon als Schüler führende Rollen in katholischen Jugendverbänden inne. Ersterer war Gaugraf des von den Jesuiten gegründeten Jugendbundes „Neu-Deutschland“ und Hauptverfasser des sogenannten Hirschbergprogramms, welches sich die Vereinigung 1923 gab. Roggendorf war der Gründer der Eifeler Gruppe des „Quickborn“. Gerade das Abitur bestanden, zog es beide jungen Männer zum Jesuitenorden.

Pater Heinrich Dumoulin SJ. Repro: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Heinrich Dumoulin wurde im September 1924 als Novize im Bonifatiushaus in s’Heerenberg/NL aufgenommen; Joseph Roggendorf folgte anderthalb Jahre später. Beide durchliefen zeitlich leicht versetzt die ordenstypische Ausbildung. Am 27. August 1933 empfing Heinrich Dumoulin die Priesterweihe in Valkenburg durch SJ Johannes Ross, den Bischof von Hiroshima. Exakt ein Jahr und einen Tag später wurde auch Joseph Roggendorf ebendort zum Priester geweiht.

Statt ins Lager durfte Pater Roggendorf in den fernen Osten

1935 führte es die beiden jungen Männer erstmalig in ihre spätere Wahlheimat Japan. Pater Dumoulin setzte seine Studien an der kaiserlichen Universität in Tokio fort und promovierte mit einer Arbeit auf Japanisch über Kamo Mabuchi, den Begründer des Shinto, der japanischen Staatsreligion. Er war einer der ersten Europäer überhaupt, die den dem deutschen „Dr. phil.“ entsprechenden japanischen Doktorgrad des Bungaku Hakase erlangten.

Joseph Roggendorf blieb zunächst nur zwei Jahre in Japan, um dann ans Londoner University College zu gehen, wo er drei Jahre später seine Dissertation über das Ise Monogatari, eine Literaturgattung der Heian-Zeit, vorlegte. 1940 – es war die Zeit des Shintaisei, in der in ganz Japan alle Ausländer von Führungspositionen zurücktreten mussten – kehrte auch Pater Roggendorf nach Japan zurück. Die Briten setzten ihn auf die „Haruna Maru“, das letzte in englischen Gewässern kreuzende japanische Schiff. So bleib ihm das Internierungslager erspart, wo er als Deutscher hingemusst hätte.

In den folgenden Jahrzehnten machten beide als international anerkannte Wissenschaftler ihrem Orden alle Ehre. Dumoulin war von 1942 bis zu seiner Emeritierung 1976 als Professor für Religionswissenschaften und Philosophie an der Sophia-Universität tätig, einer japanische Privatuniversität in kirchlicher Trägerschaft. Neben seiner späteren Tätigkeit als Novizenmeister in Hiroshima und als Spiritual am Priesterseminar in Tokio fungierte er viele Jahre als Sekretär der japanischen Bischofskonferenz und als Berater des Vatikans für nichtchristliche Religionen.

1970 erhielt Pater Dumoulin die Ehrendoktorwürde der Universität Würzburg. Neben Gastvorlesungen in den USA und Europa sowie vielen religionswissenschaftlichen Publikationen vor allem auf dem Gebiet des Zen-Buddhismus war er Herausgeber der japanischen Kulturzeitschrift Seiki (Saeculum). Zeit seines Lebens ging ihm aber eines noch über seine wissenschaftlichen Forschungen: seine seelsorgerische Tätigkeit. Wenige Monate vor seinem Tod bekannte er einem Besucher aus Köln: „Wissen Sie, was das Schönste in meinem Leben ist? Als Missionar bin ich nach Japan gekommen. In 60 Jahren habe ich über 500 Erwachsene getauft. Jetzt habe ich noch zwei Katechumenen, die ich – so Gott will – noch taufen darf.“

Joseph Roggendorf war Professor für englische Literatur und vergleichende Sprachwissenschaft an der Sophia-Universität. Später kam ein Lehrauftrag für japanische Kulturgeschichte hinzu. Er unterrichtete außerdem japanische Studenten in Deutsch, Englisch und Französisch. Er war ebenfalls ein gefragter Gastprofessor in den USA, Europa, Australien und Neuseeland. Und auch er war neben zahlreichen eigenen Veröffentlichungen Herausgeber einer Zeitschrift, in welcher Studien zum Kulturaustausch zwischen Ost und West erschienen.

Pater Heinrich Dumoulin verstarb im Alter von 90 Jahren am 21. Juli 1995. Pater Joseph Roggendorf verschied am 27. Dezember 1982. Beigesetzt sind beide in der Krypta der St. Ignatiuskirche in Tokio.

Trotz ihres jahrzehntelangen Aufenthaltes in Japan sind die beiden gelehrten Jesuiten ihrer Eifeler Heimat stets eng verbunden verblieben. Sie zählen zu den großen Brückenbauern zwischen Ost und West.

„Wenn Sie in Japan arbeiten wollen, machen Sie sich die Überzeugung zu Eigen, dass sie von den Japanern ebenso viel lernen können, wie diese von ihnen“, lautete der Rat eines Valkenburger Professors an den Novizen Roggendorf.

Toleranz gegenüber anderen Standpunkten

Was aber hat Joseph Roggendorf selbst von den Japanern gelernt? Im Nachwort seiner von Ingrid und Manfred Baldus übersetzten „Lebenserinnerungen“ (s. Kasten) heißt es: „Die Neigung, Gefühle zu schonen, Zusammenstöße zu vermeiden und Kompromisse zu schließen, ist nicht nur ein Phänomen gesellschaftlichen Verhaltens, sie ist auch Ausdruck einer Weltsicht, für die ich im Laufe der Jahre Sympathien entwickelt habe. Charakteristisch ist die Toleranz gegenüber anderen Standpunkten und die Weigerung, beim Argumentieren die Harmonie aufs Spiel zu setzen, da wahrscheinlich viele Probleme, wie ein untergründiges Empfinden lehrt, nicht vollständig lösbar sind.“

Roggendorfs Memoiren in Buchform

Pater Joseph Roggendorf SJ in seinem Arbeitszimmer in Tokio. Repro: Felix Lang/pp/Agentur ProfiPress

Brückenbauer zwischen den Kulturen

Ein im Mechernicher Rathaus im Beisein von Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick vorgestelltes Buch schildert das bemerkenswerte Leben des Paters Joseph Roggendorf. Manfred Baldus und seine Ehefrau Ingrid aus Mechernich übersetzten die Memoiren des Jesuitenpaters und Universitätsprofessors, die bis dahin in einer japanischen und seit 2004 auch in einer englischen Fassung vorlagen. „Joseph Roggendorf, Brückenbauer zwischen den Kulturen – Lebenserinnerungen aus Europa und Japan 1908-1982“ (Köln 2013. 126 Seiten, ISBN 978-3-939160-36-6, 12 Euro) heißt es. Ursprünglich hatte der Pater das Buch für seine japanischen Studenten geschrieben. Darin schildert er ausführlich seine Kindheit und Jugend am Mechernicher Bleiberg während der Weimarer Republik. Die Sprache sei sehr klar und einfach, so Baldus, vormals Richter am Kölner Landgericht und Honorarprofessor für Kirchenrecht und kirchliche Rechtsgeschichte an der Universität Köln. (rh)